19.11.2020 Bruder Cornelius Bohl

Meine Welt verändert mich

Ein Impuls zum Elisabethfest von Provinzialminister Cornelius Bohl

Der Drang sitzt in vielen Menschen ganz tief drin, aber gerade uns Christen ist besonders vertraut: Wir möchten etwas verändern! Ändert euch! Mit diesem Ruf beginnt Jesus sein öffentliches Auftreten. Sein Wort Bei euch aber soll es nicht so sein! lädt ein, es eben anders zu machen.

Ich versuche also, bei mir und in meinem Umfeld etwas zu ändern. Das ist das eine. Das andere ist die Erfahrung: Mein Umfeld, eine Aufgabe, Begegnungen verändern mich. Da mache nicht ich etwas mit der Welt. Die Welt macht etwas mit mir.

Elisabeth von Thüringen hat an einer entscheidenden Schnittstelle ihr Leben radikal geändert und in ihrem Umfeld Änderungen angestoßen, die bis heute inspirieren. Aber auch sie wurde von ihrem Umfeld verändert.

Meine Welt verändert mich.
Das kann ganz verschieden geschehen.

Die heilige Elisabeth von Thüringen.
Statue aus der Elisabethstube, der Suppenküche der Franziskaner in München.

Meine Welt lullt und engt mich ein. Elisabeth hat es auf der Wartburg gut gehabt. Ihre gesellschaftliche Stellung gab Sicherheit. Sie war glücklich verheiratet. Sie konnte viele schöne Seiten des Lebens genießen. Scheinbar genügt ihr das nicht. Die schöne Welt war auch künstlich und eng. Darum macht sie nicht alles mit. Sie erfüllt nicht alle Erwartungen. Mit provozierenden Aktionen bricht sie aus und schockt ihre Umgebung: Sie legt vor dem Kreuz ihre Krone ab. Sie geht in der Prozession mit dem einfachen Volk. Alles mitzumachen, wäre bequemer gewesen.

Meine Welt irritiert und stellt Fragen. Das Leben bei Hofe und die Beziehungen zur Gesellschaft waren organisiert. So wie heute auch. Schließlich muss das Leben funktionieren. Das gute Essen auf der fürstlichen Tafel oben kommt von den armen Bauern unten. Das ist eine normale Arbeitsteilung. Ist sie immer gerecht? Ist das alles in Ordnung, so wie es läuft? Elisabeth weigert sich, etwas zu essen, was zu Unrecht erworben wurde. Sie lässt sich von ihrer Umgebung irritieren und in Frage stellen.

Meine Welt ist nicht alles. Elisabeth war aufmerksam genug, um zu wissen: Es gibt nicht nur das feine Leben oben auf der Wartburg. Es gibt andere Welten. Unten gibt es die Armen. Kranke. Behinderte. Kinder ohne Eltern. Menschen haben Hunger, leiden Schmerzen. Elisabeth sagt nicht: Ist mir doch egal. Das Hospital, das sie am Fuß der Wartburg erbaut, zeigt, wie sie sich von neuen Welten herausfordern lässt.

Meine Welt bricht zusammen. Elisabeth erlebt das beim Tod Ihres Mannes: Nun soll mir die ganze Welt gestorben sein! Von jetzt auf gleich hat sich alles radikal geändert. Nichts ist mehr so, wie es war. Das könnte das Ende sein. Aber die junge Frau überlebt diesen Zusammenbruch nicht nur. Nach und nach entdeckt sie auch Chancen und neue Freiräume. Sie lässt sich nicht einfach von der Wartburg vertreiben. Mit dem Geld, das ihr als Witwe zusteht, startet sie ein neues Lebensprojekt in Marburg.

Die Welt versteht mich nicht und lehnt mich ab. Nicht alle haben die Lebenswende von Elisabeth freudig beklatscht. Die Bettlerin, die früher von der Landgräfin unterwürfig Almosen entgegen genommen hatte, stößt sie jetzt, da sie nicht mehr oben auf der Burg, sondern unten in Eisenach bei den Armen wohnt, von dem schmalen Holzsteg in den stinkenden Dreck der Gasse. Der gestrenge Beichtvater Konrad versteht sie nicht und möchte sie im Sinn seiner finsteren Askese umformen. An solchen Widerständen können nicht nur hohe Ideale, da kann ein Leben zerbrechen. Elisabeth zerbricht nicht: Das Leben ist wie ein Schilfrohr, sagt sie. Nach dem Hochwasser richtet es sich wieder auf und wächst wie zuvor.

Meine Welt braucht mich. Die Jahre in Marburg sind erfüllt von praktischer Arbeit. Elisabeth hat nicht nur gemanagt und präsidiert. Sie hat die Kranken gewaschen, ihre Wunden verbunden, das Essen ausgeteilt. Einmal hat sie mit den Armen ein Fest gefeiert: Wir müssen die Menschen nur froh machen, noch so ein Wort von ihr. Sie hat gespürt: Ich werde gebraucht. Sie hat getan, was nötig und was dran war.

Bevor wir die Welt verändern, verändert uns die Welt.

Was macht die Welt augenblicklich mit mir und mit uns? Corona, der Populismus, islamistischer Terror, die Umweltzerstörung, die Flüchtlinge, der Missbrauch, die dramatischen Abbrüche in der Kirche? Was macht das mit mir, das Älterwerden, eine Krankheit, ein Abschied?

Kann es sein, dass in dem, was die Umstände mit mir machen, Gott etwas an mir tut? Höre ich aus meiner Welt einen Ruf Gottes? Dann könnte ich darauf antworten, indem ich irgendwo bewusst Nein oder Ja sage, Abschied nehme, Neues probiere, etwas konkret anpacke. Elisabeth hat so einen existentiellen Dialog mit Gott geführt. Sie war auch eine Macherin, weil sie zugelassen hat, dass Gott etwas mit ihr macht. Sie hat manches verändert, weil sie bereit war, sich von Gott verändern zu lassen.


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