07.11.2018 Von Thomas und Kerstin Meinhardt

Unser Mann in Rom

Interview mit Generaldefinitor Bruder Jürgen Neitzert

Bruder Jürgen Neitzert. Bild von Kerstin Meinhardt.

Im September 2017 wurde Jürgen Neitzert OFM aus der Deutschen Franziskanerprovinz als sogenannter Generaldefinitor in die Generalleitung des Franziskanerordens gewählt. Generaldefinitoren beraten den Generalminister, also den gewählten Leiter auf oberster Ebene, in allen Angelegenheiten des Weltordens und sind jeweils für einen regionalen Zusammenschluss von Franziskanerprovinzen zuständig. FRANZISKANER besuchte Bruder Jürgen am Sitz der Ordensleitung in Rom.


Bruder Jürgen, von wem sind Sie gewählt worden?

Grundsätzlich wählt das Generalkapitel, bestehend aus den Vertretern aller Franziskanerprovinzen, alle sechs Jahre die Ordensleitung. Wenn jemand während der Wahlperiode ausscheidet, findet eine Nachwahl durch die Generalleitung statt. Da der vorherige Definitor für die Konferenz der mitteleuropäischen Franziskanerprovinzen zurückgetreten war, wurde in unserer Region ein Nachfolger gesucht. Und so wurde ich angefragt und als Generaldefinitor bis zum nächsten Generalkapitel 2021 gewählt.

Worin bestehen Ihre Aufgaben in der Generalleitung des Ordens?

Ich bin zunächst zuständig für die mitteleuropäische Konferenz COTAF (Conference of Trans-Alpine Franciscans). Hier sind die Franziskanerprovinzen auf dem Gebiet der Niederlande, Belgiens, Frankreichs, Deutschlands, Österreichs, Südtirols, der Schweiz, Ungarns und Rumäniens zusammengeschlossen. Da wir Franziskaner eine sehr föderale Struktur haben, werden allerdings die meisten Angelegenheiten von den Provinzleitungen selbst geregelt. Die Generalleitung hat grundsätzlich eher eine koordinierende, unterstützende und impulsgebende Funktion für die Provinzen.

Also haben der Generalminister und das Generaldefinitorium eher repräsentative Aufgaben?

Auch, aber nicht nur. Der Generalminister, der für maximal zwei jeweils 6-jährige Amtsperioden gewählt wird, ist der Nachfolger des heiligen Franziskus und repräsentiert den Orden nach innen und außen. Einige Missionsgebiete und die beiden Konvente in der Türkei sowie einige Konvente mit speziellen Aufgaben für den Gesamtorden und das „Antonianum“, die franziskanische Universität, sind direkt der Generalkurie unterstellt. Zudem arbeiten die Generalsekretariate für „Mission und Evangelisierung“, für „Ausbildung und Studien“ und das Generalbüro für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ der Generalleitung zu und koordinieren weltweit die Aufgaben in ihrem jeweiligen Bereich, geben Anregungen für die Provinzen und den Gesamtorden.

Alle neu gewählten Provinzialminister erhalten hier eine 10-tägige Fortbildung zu juristischen sowie zu Leitungs-und Strukturfragen. Bei massiveren Konflikten in Provinzen kann ein Delegat des Generalministers eingesetzt werden. Und bei allen Themen zwischen Vatikan und Orden ist die Generalleitung der Ansprechpartner.

Wie übt der Generalminister die spirituelle Leitung einer weltweiten Ordensgemeinschaft aus?

Er reist häufig, um möglichst viele Provinzen zu besuchen und sich mit den Mitbrüdern auszutauschen, und schreibt beispielsweise zu Weihnachten und Ostern Briefe an alle Brüder. Wir im Generaldefinitorium veröffentlichen alle zwei Jahre Inspirationsthemen für den Gesamtorden. Das waren in den letzten Jahren „Gerechtigkeit und Frieden“ und „Werke der Barmherzigkeit“. 2019 wird das Jahresthema dann „Dialog“ sein; insbesondere der Dialog mit dem Islam. 1219 – vor 800 Jahren – hat Franziskus den Sultan in Ägypten getroffen und damit einen wichtigen Impuls für eine Begegnung auf Augenhöhe gegeben. Zu den Jahresthemen werden jeweils Arbeitsmaterialien erstellt und in die drei Ordenssprachen Italienisch, Spanisch und Englisch übersetzt.

Welche besonderen Aufgaben haben Sie als Generaldefinitor?

Als Kontaktperson für die COTAF-Region bin ich zuständig für alle Themen, die zwischen den betroffenen Provinzen und der Generalleitung anfallen, nehme an den halbjährigen COTAF-Treffen teil und halte regelmäßigen Kontakt zu den Provinzialministern. Zudem engagiere ich mich in Themenbereichen, in denen ich schon seit langem aktiv bin: Das sind insbesondere der interreligiöse Dialog sowie unser zentrales Anliegen „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“. Und nicht zuletzt bin ich weiterhin zum Thema „Migration und Flüchtlinge“ aktiv, zu dem ich mich ebenfalls bereits 30 Jahre engagiere. Bei diesen Themen halte ich engen Kontakt mit den zuständigen Büros des Ordens und plane mit ihnen gemeinsam Initiativen für die nächsten Jahre – jetzt stärker mit einer weltweiten Perspektive.

Wo sehen Sie die größten internen Herausforderungen für die Ordensgemeinschaft?

In Europa und Nordamerika sind wir überaltert, und die Anzahl der Brüder schrumpft massiv. In Lateinamerika stagnieren wir, in Asien und Afrika wächst der Orden noch. Insgesamt verschieben sich auch bei uns Franziskanern die Gewichte: In den reicheren Ländern werden wir weniger, in den armen Ländern nehmen wir zu. Das wirft auch Finanzierungsfragen auf. Bisher leben viele Provinzen in den Ländern des Südens – besonders in Afrika – stark von Spenden und Zuwendungen aus Europa und Nordamerika. Dies wird in Zukunft so kaum noch möglich sein.

Wie können Provinzen in finanziell sehr armen Regionen zukünftig mehr auf eigenen Beinen stehen?

In vielen Ländern Lateinamerikas, zum Beispiel in Brasilien, ist dies schon gelungen. Doch das wird sicher von Region zu Region etwas anders aussehen. Wir müssen gemeinsam und solidarisch schauen, welche Möglichkeiten jeweils vorhanden sind. In Europa und Nordamerika besteht die Herausforderung darin zu entscheiden, welche Aufgaben und welche Akzente wir mit deutlich weniger und älteren Mitbrüdern zukünftig setzen wollen und was wir aufgeben müssen. Durch die weltweite Perspektive können wir den Provinzen Impulse geben beziehungsweise sie auf Erfahrungen anderer verweisen.Gibt es eine Zusammen¬arbeit mit den anderen Gemeinschaften aus der Franziskanischen Familie?

Die Generalminister der vier franziskanischen Männerorden und auch die jeweiligen Definitorien treffen sich regelmäßig. Unter anderem haben wir im letzten Oktober drei intensive geistliche Tage auf La Verna miteinander verbracht. Das war ein gutes Miteinander und eine gute Gemeinschaft. Einige träumen schon von mehr, also einer Wiedervereinigung der männlichen franziskanischen Orden, aber das ist noch ein Traum. Im Augenblick gehen wir erst mal viele gemeinsame Schritte auch in vielen Provinzen. Hier in Rom planen wir eine gemeinsame Universität der franziskanischen Orden. In einigen Provinzen gibt es schon gemeinsame Noviziate. Die oben erwähnten Sekretariate arbeiten regelmäßig zusammen und starten gemeinsame Projekte. Und ganz besonders Franciscans International, unsere Vertretung bei den Vereinten Nationen wird gemeinsam von gesamten franziskanischen Familie getragen und verantwortet.

Gibt es ein spezielles Projekt, das Sie als Definitor besonders vorantreiben möchten?

die Laienbrüder sind heute im Orden eine Minderheit von vielleicht 15 Prozent. Ich möchte das Bewusstsein für die Bedeutung von Laienbrüdern für unsere Ordensgemeinschaft lebendig halten und setze mich dafür ein, dass ihr Charisma respektiert und sie gut begleitet werden. Es ist ein wichtiges Zeichen für die Kirche, dass Priester und Laien gemeinsam in einem Orden zusammen leben, beten und arbeiten.

Andere Themen, die ich gerne voranbringen möchte, sind eine konsequentere ökologische Lebensweise in den Häusern des Ordens und das Zusammenleben mit Geflüchteten in geeigneten Konventen. Und natürlich engagiere ich mich für Dialogprojekte besonders im Rahmen des 800-jährigen Jubiläums des Treffens zwischen Franziskus und dem Sultan 1219. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, weltweit auf Franziskus als Vorbild für den Dialog zwischen unterschiedlichen Religionen zu verweisen, und im interreligiösen Dialog weitere Schritte gehen, auch in Zusammenarbeit mit dem Vatikan

Die Generalleitung der Franziskaner in Rom. Bild von Kerstin Meinhardt.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Heft 3 / Herbst 2018


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