Von Bruder Stefan Federbusch

Der Wolf in mir

Schaue dem Wolf in die Augen und erkenne seine Gründe

Nein, ich will kein Märtyrer werden! Ich bleibe hilflos angesichts all des Terrors in der Welt. Denn Gewalt erzeugt immer Gegengewalt, und die Gewaltspirale wird sich weiterdrehen, so notwendig militärische Interventionen auch scheinen mögen. Ich bleibe unentschlossen, was in pazifistischer Grundgesinnung zu tun ist, wenn sich Kräfte im Menschen zeigen, die wir zivilisatorisch-kulturell gebändigt glaubten.

Franziskus ist der Gewalt in Form eines wilden Tieres begegnet. Der Wolf von Gubbio verkörpert als Sinnbild den „Wolf im Menschen“, die ungesteuerte Aggression, das Gewaltpotenzial, das bereit ist zu töten, zu morden, zu terrorisieren, Angst und Schrecken zu verbreiten. Franziskus tritt der Bestie in einer Haltung der Gewaltfreiheit mutig entgegen, er stellt sich der Konfliktsituation. Er nennt das begangene Unrecht klar beim Namen, aber er erkennt auch die Bedürfnisse des Tieres beziehungsweise des Täters an. Ein gerechter Friede ist nur möglich, wenn es zu einem Interessenausgleich kommt, indem die soziale Ungerechtigkeit erkannt und beseitigt wird.

Bild von Renate Werz / pixelio.de
Dem Wolf in die Augen schauen und ausbrechen aus der Spirale des Bösen. Bild von Renate Werz / pixelio.de

Ist eine solche Haltung nicht Naivität pur angesichts des menschenverachtenden Terrors, den militante Gruppen verbreiten, indem sie Menschen im Namen der Religion einfach abschlachten und Minderheiten gewaltsam vertreiben? Es geht ihnen nicht um soziale Gerechtigkeit, sondern um die Durchsetzung vermeintlich religiöser Grundsätze. Aus unserer Perspektive würden wir dies ideologische Verblendung nennen und Missbrauch religiöser Werte.

Papst Franziskus betonte bei seinem Besuch in Albanien: „Die echte Religion ist eine Quelle des Friedens und nicht der Gewalt! Niemand darf den Namen Gottes gebrauchen, um Gewalt auszuüben! Im Namen Gottes zu töten, ist ein schweres Sakrileg! Im Namen Gottes zu diskriminieren, ist unmenschlich.“

Liebe deine Feinde

Franziskus orientiert sich am Evangelium. Er hält an der Feindesliebe fest. Für ihn bedeutet dies, allen „untertan“ zu sein, das heißt keine Herrschaftsansprüche zu stellen, sondern mit versöhntem Herzen dem anderen sein Anderssein zuzugestehen. Dies gilt auch anderen Religionen wie Juden und Muslimen gegenüber, was für damaliges kirchliches Verständnis völlig inakzeptabel war. Eine solche Haltung ist für Franziskus nur im „Mindersein“ möglich, das heißt in der Bereitschaft, sich mit hineinnehmen zu lassen in die Dynamik Jesu. Der Sohn Gottes hat sich erniedrigt und klein gemacht. Er hat sich aller Macht und Herrlichkeit entäußert und auf das Niveau von uns Menschen begeben. Er hat die Liebe, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes durch alles Leid durchgetragen bis ans Kreuz. Die Radikalität dieser Dynamik wird in der Bereitschaft zur Versöhnung deutlich, sie zeigt sich in der „Entfeindungsliebe „. Erst in dieser Haltung ist der Frieden im eigenen Herzen möglich, den Franziskus von seinen Brüdern einfordert.

Das Böse in mir

Wenn ich mich nicht traue, mich in dieser Form wie Franziskus dem Bösen entgegenzustellen und gegebenenfalls sogar den Tod auf mich zu nehmen, dann könnte ich es zumindest wagen, einmal den Wolf in mir anzuschauen, meine persönliche Gewaltstruktur. Was lebt in mir? Was lebe ich? Es gibt das Phänomen der Projektion. Wir Menschen suchen die Schuld gern beim anderen. Schuld bin nicht ich. Schuld ist immer der andere. Und es gibt das Phänomen der Verdrängung: Das Böse in mir schaue ich nicht gern an, verleugne es eher. Als „gute“ Christen leben wir Gewalt selten handfest aus, aber es gibt sehr subtile Mittel und Wege der Gewalt, andere zu verachten, kleinzuhalten, zu bestrafen. In der Psychologie ist von heißer und von kalter Aggression die Rede: Ich kann dem anderen sehr emotional hochgekocht gegenübertreten, mich aufregen und ereifern, ich kann ihn aber auch durch Schweigen strafen, durch Missachtung.

Franziskus verurteilt niemanden. Er begegnet allen Menschen mit Respekt, Interesse und Ehrfurcht. „Und wenn wir sehen oder hören, dass Menschen Böses sagen oder tun oder Gott lästern, dann wollen wir Gutes sagen und Gutes tun und Gott loben“ (BReg 17,19). Wenn mir das gelänge, wäre das doch ziemlich viel und ein wahrer Schritt zum Frieden!


2 Kommentare zu “Der Wolf in mir

  1. Irgendwie fühle ich mich sehr geschmeichelt aber auch etwas amüsiert, das Sie ein Bild von wohl dem liebenswürdigsten und freundlichsten Hund überhaupt (sie ist Therapiehund im Altenheim) gewählt haben um das Böse dazustellen! :)

    1. Liebe Frau Werz
      Schön, dass sie sich die Zeit genommen haben, ihr tolles Bild im Zusammenhang mit unserem Artikel zu kommentieren. Es tut mir ja jetzt wirklich leid, dass wir die herzensgute Hündin in einen ganz anderen Kontext gebracht haben. Aber seien sie getröstet. Das „Böse“ in der Geschichte, stellt sich nicht als „Das Böse“ heraus, sondern als eine Kreatur, die Aufgrund der vorrückenden Zivilisation, an den Rand der Existenz gedrückt wurde und sich nur gewehrt hat. Der heilige Franziskus versöhnt die Menschen der Stadt mit dem Tier vor dem sie sich gefürchtet hatten. Da passt der Therapiehund ja vielleicht doch wieder ganz gut ins Bild?

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