Stefan Federbusch ofm

Haltung und Handlung: Barmherzigkeit

Elemente franziskanischerf Spiritualität

„Die Hungrigen speisen“ – Einander Barmherzigkeit erweisen. Bild von Archiv Suppenküche Berlin-Pankow.

Die Berufung von Franziskus war es, das Evangelium (griech. = gute Nachricht) zu leben. Bedingt durch die Vielfalt des Evangeliums ist es immer nur möglich, bestimmte Aspekte hervorzuheben und in eine bestimmte Lebensweise umzusetzen. Die Spiritualität (spiritus: latein. = Geist) eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen ist daher geprägt von dem Blickwinkel, von dem er bzw. sie auf das Evangelium schaut und von den Erfahrungen, die sein bzw. ihr Leben geprägt haben.

Da auch das Leben und Wirken von Franziskus äußerst vielfältig und vielschichtig ist, beschränkt sich die Darstellung auf einige wesentliche Grundzüge seiner Spiritualität sowie kurzer Hinweise auf Bestandteile einer franziskanischen Spiritualität heute.


Elemente franziskanischer Spiritualität

Einander Barmherzigkeit erweisen

Franziskus war es wichtig, niemanden zu verurteilen, weder ob seiner Kleidung noch seines Lebensstiles noch seiner Verfehlungen (vgl. Gef 14,58). Auch gegen die Brüder, die sich verfehlt hatten, übte er Nachsicht und Barmherzigkeit und forderte dies auch von den Ministern (Leitungsverantwortlichen) ein: „Und darin will ich erkennen, ob du den Herrn und mich, seinen und deinen Knecht, liebst, wenn du folgendes tust, nämlich es darf keinen Bruder auf der Welt geben, mag er auch gesündigt haben, soviel er nur sündigen konnte, der deine Augen gesehen hat und dann von dir fortgehen müsste ohne dein Erbarmen, wenn er Erbarmen sucht. Und sollte er nicht Erbarmen suchen, dann frage du ihn, ob er Erbarmen will. Und würde er danach auch noch tausendmal vor deinen Augen sündigen, liebe ihn mehr als mich, damit du ihn zum Herrn ziehst. Und mit solchen habe immer Erbarmen“ (Min 9f.)

Die ersten Gefährten bestätigen, dass Franziskus selbst diese Haltung gelebt hat: „Denn Franziskus sprach voll Mitleid zu ihnen, nicht wie ein Richter, sondern wie ein barmherziger Vater zu seinen Söhnen und wie ein guter Arzt zu den Kranken. Er verstand es, mit den Schwachen schwach und mit den Betrübten traurig zu sein“ (Gef 14,59). Ein exemplarisches Beispiel dafür ist seine Solidarität mit dem Bruder, der nachts von Hunger gequält wird. „Da ließ der selige Franziskus ein Mahl bereiten, und weil er ein Mensch voll Liebe und Weisheit war, aß er mit jenem Bruder, damit er sich nicht schäme, allein zu essen; und weil er es so wollte, aßen auch alle anderen Brüder mit ihm“ (SP 27).

Einander Barmherzigkeit erweisen heute:

  • Barmherziger Umgang mit der eigenen Unvollkommenheit und Schwäche und mit der der anderen
  • Wertschätzung auch des Fragmentarischen und Gebrochenen

Haltung und Handlung: Barmherzigkeit

Das Symbol des Christentums ist das Kreuz. Anhand dieses Symbols können wir die Dimensionen und Aspekte der franziskanischen Spiritualität verdeutlichen. In der Reihe der Elemente franziskanischer Spiritualität haben wir zunächst die vertikale absteigende Linie betrachtet: die Demut Gottes, die sich in der Menschwerdung Gottes äußert. Wir feiern sie auch jetzt wieder an Weihnachten – eine geerdete Spiritualität. In umgekehrter aufsteigender Richtung können wir die Eucharistie sehen, die uns täglich mit Gott verbindet – eine eucharistische Spiritualität. Franziskus hat sich hineinnehmen lassen in die Liebe eines sympathischen, mitleidenden Gottes und selbst die compassion mit allem Geschaffenen gelebt – eine leiden¬schaftlich-liebeswunde Spiritualität. Die Vertikale von Krippe, Kreuz und Eucharistie.

Im Sinne der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe äußert sich die Demut des Menschen, indem er Gott als seinen Schöpfer anerkennt, sich seiner eigenen Wahrheit als unvollkommenes und fragmentarisches Wesen stellt und dem anderen in Liebe dient. Das Eintauchen bei Gott führt zu einer universalen Geschwisterlichkeit. Aus den franziskanischen Grundhaltungen und inneren Einstellungen erwachsen die äußeren Handlungen. Franziskus bringt die Demut vorrangig mit der Armut in Verbindung. Es gibt jedoch noch drei weitere Schwestern der Demut. Da sind zunächst die Geduld und die Friedfertigkeit. Franziskus ordnet die Demut Gott dem Vater zu, die Geduld dem Sohn und den Frieden dem Heiligen Geist. Demut, Geduld und Frieden sind somit Ausdruck der Dreifaltigkeit Gottes. Sie alle sind Teil dessen, was Franziskus die Lebensform der „minoritas“ nennt.

Als dritte Schwester der Demut ist noch die Barmherzigkeit zu nennen. Papst Franziskus hat ihr 2017 ein eigenes Jahr gewidmet. Die ersten Gefährten bestätigen, dass Franziskus selbst diese Haltung gelebt hat: „Denn Franziskus sprach voll Mitleid zu ihnen, nicht wie ein Richter, sondern wie ein barmherziger Vater zu seinen Söhnen und wie ein guter Arzt zu den Kranken. Er verstand es, mit den Schwachen schwach und mit den Betrübten traurig zu sein.“ Ein exemplarisches Beispiel dafür ist seine Solidarität mit dem Bruder, der nachts von Hunger gequält wird. „Da ließ der selige Franziskus ein Mahl bereiten, und weil er ein Mensch voll Liebe und Weisheit war, aß er mit jenem Bruder, damit er sich nicht schäme, allein zu essen; und weil er es so wollte, aßen auch alle anderen Brüder mit ihm.“

Die Haltung der Barmherzigkeit sollen insbesondere jene üben, denen ein Leitungsamt anvertraut ist: „(…) und wer als der Größere gilt, der soll wie der Geringere und der Knecht der anderen Brüder sein. Und er soll jedem Einzelnen seiner Brüder das Erbarmen zeigen und entgegenbringen, das er sich selbst erwiesen haben möchte, wenn er in ganz ähnlicher Lage wäre.“ Einen Leitungsverantwortlichen mahnt Franziskus: „Es darf keinen Bruder auf der Welt geben, mag er auch gesündigt haben, so viel er nur sündigen konnte, der deine Augen gesehen hat und dann von dir fortgehen müsste ohne dein Erbarmen, wenn er Erbarmen sucht. Und sollte er nicht Erbarmen suchen, dann frage du ihn, ob er Erbarmen will. Und würde er danach noch tausendmal vor deinen Augen sündigen, liebe ihn mehr als mich, damit du ihn zum Herrn ziehst. Und mit solchen habe immer Erbarmen.“

Bischof Joachim Warnke hat die sieben Werke der Barmherzigkeit sehr treffend ins Heute übersetzt: „Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu. Ich höre dir zu. Ich rede gut über dich. Ich gehe ein Stück mit dir. Ich teile mit dir. Ich besuche dich. Ich bete für dich.“ Papst Franziskus hat mit der Sorge um die Schöpfung ein achtes Werk der Barmherzigkeit hinzugefügt.

Die horizontale Linie des Kreuzes können wir also mit den Haltungen von Armut, Geduld, Friedfertigkeit und Barmherzigkeit besetzen. Mit dem Kreuz, das wir über uns zeichnen, haben wir somit ein Zeichen, das unsere christlich-franziskanischen Haltungen und Handlungen sinnenträchtig und leibhaftig zum Ausdruck bringt.


Ein Kommentar zu “Haltung und Handlung: Barmherzigkeit

  1. Solche Worte über die Barmherzigkeit hört man heute in keiner Pfarre mehr. Das scheint wirklich franziskanische Spiritualität zu sein. Menschen die einen vertieften Glauben suchen können in manchen Pfarren seelisch verhungern!! Daher überlege ich nun gerade ob ich mich dem örtlichen OFS anschließen soll? Ich denke auch, dass es der Wille Gottes sein könnte. Mein Beichtvater ist ein großartiger, tiefgläubiger Franziskanerpriester!! So bitte ich sehr um Ihr Gebet!

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