22.07.2021 Niklaus Kuster OFMCap

Arm an Dingen, reich an Leben

Die franziskanisch-klarianische Spiritualität in der Wertesonne entdecken

Die hier vorgestellte Wertesonne entwickelte sich im Rahmen eines Seminars, das Niklaus Kuster OFMCap für die Münsteraner Franziskus-Stiftung hielt. Von den Mauritzer Franziskanerinnen gegründet, umfasst die Stiftung heute mehrere Spitäler, Kliniken und soziale Dienste. Der Außenauftritt trägt das Tau-Zeichen ergänzt mit dem Zusatz „menschlich + modern: einfach Franziskus“. Die Aussage drückt Freude über das franziskanische Profil aus. Doch wie lässt sich dieser spezielle Spirit näher beschreiben? Eine Arbeitsgruppe der Münsteraner Franziskus-Stiftung hat sich auf den Weg gemacht, ihr Motto und seine Chancen in Worte zu fas-sen. Andere Werke mit ähnlicher Geschichte sowie Lebensgemeinschaften und Netzwerke haben den Ball aufgenommen und spüren den franziskanischen Werten in ihrer eigenen Realität nach. Das Zwischenresultat dieser Spurensuchen wird in diesem Beitrag vorgestellt.

Oft wird Kirchliches heute mit einem Korsett verbunden, „Spirit“ dagegen mit Dynamik. Franziskanisch Inspirierte oder Interessierte suchen nicht primär Ordnung und Struktur, sondern das Belebende: „Geist und Leben“, wie Franziskus selber es in seinem Lebensrückblick nennt (Franziskus-Quellen S. 60). Lässt sich eine Gruppe, eine Gemeinschaft oder ein Werk vom franziskanischen Geist bewegen, sind Werte im Spiel: Grundhaltungen und Verhaltensweisen, die dem Leben und Tun innere Tiefe und menschliche Weite verleihen. Wo immer ich mit franziskanischen Kreisen und Institutionen diesem Spirit nachspüre, suchen wir in einem ersten Schritt die tragenden Werte zu benennen. Flipcharts füllen sich dabei schnell mit Begriffen wie „Vertrauen“, „Kreativität“, „Entwicklung“, „respektvolles Miteinander“, „Einfachheit“, „Nachhaltigkeit“, „soziales Gespür“, „Naturverbundenheit“, „ökologische Achtsamkeit“, „Gleichwertigkeit“, „Augenhöhe“, „Lebensfreude“, „Verwurzelung“, „Tiefgang“, „Offenheit für Fremdes“, „Friedfertigkeit“, „Versöhnlichkeit“, „Improvisationskunst“. Keine Frage: Wer sich von solchen Werten leiten lässt, gewinnt Tiefe und Weite im eigenen Leben und im gemeinsamen Schaffen. Doch was macht das Franziskanische an solchen Werten aus, und lassen sich solche Listen in ein Bild bringen?

Werte sind Chancen – nicht Auflagen

Für das Sammeln und eine Zusammenschau franziskanischer Grundhaltungen und Verhaltensweisen hat sich das Sonnensymbol angeboten. Der Franziskaner Bernhardin von Siena (1380–1444) hat seine Kernbotschaft an einer Sonne mit zwölf Strahlen verdeutlicht. In seinen Volkspredigten stand das Symbol für Jesus (IHS) und zwölf Facetten der Christusnachfolge: Vier erste Strahlen sind dem Ich und der Selbstliebe gewidmet, vier der Sendung in die Welt und der Menschenliebe, vier weitere dem mystischen Weg und der Gottesliebe. Bernardinos Symbol lässt sich umdeuten und kann die Chancen des Franziskanischen anschaulich verdeutlichen. Statt drei Drittel empfehlen sich dafür vier Viertel: Drei Strahlen bündeln Qualitäten des Individuums in der eigenen Entfaltung und im Umgang mit sich selbst, drei Strahlen kennzeichnen das Zusammenspiel von Menschen in einer Gruppe, einem Team, einer Gemeinschaft oder einem Werk, das sich franziskanisch inspirieren lässt. Drei Strahlen haben mit der Sendung zu tun: Menschen, für die sich ein Team, eine Gemeinschaft oder eine Institution einsetzt. Und drei Strahlen stehen für das Umfassendere: gesellschaftliche Solidarität, nachhaltiger Umgang mit der Mitwelt und „mehr als alles“, wie Dorothee Sölle das Allumfassende – Gott – nennt. Das Bild zeigt die vier Dimensionen der Wertesonne, die das ICH, das WIR, das SIE und ALLES im Blick haben. Und es bietet zwölf Werte an, die dem Leben, Sein und Tun sowohl individuell wie gemeinsam, lokal handelnd und global vernetzt Tiefe und Weite verleihen.

Liebe zum Leben – Mitte und Kraftquelle

Für die Mitte der Sonne sind in verschiedenen Kreisen unterschiedliche Ideen vorgebracht worden: DU großgeschrieben im Sinne von Martin Buber: Das Ich wird am Du. Im Wir begegnen sich viele Du. Einsatz für Menschen gilt individuellen Du, und selbst Gott tritt als großes Du in Beziehung zu Suchenden und Glaubenden. Andere haben „das Göttliche“ vorgeschlagen. Ich ziehe „Liebe zum Leben“ vor: Franz von Assisi war und blieb ein lebensfroher Mensch. Seine Lebensfreude wurde in Krisen erschüttert und vertiefte sich dadurch. Sein Sonnengesang bezieht alle Geschöpfe mit in sein großes Danklied an den Schöpfer ein. Klara von Assisi stirbt glücklich und dankbar dafür, in dieser Welt „geschaffen zu sein“. Die franziskanische Bewegung veranschaulicht durch acht Jahrhunderte, dass „Leben in Fülle“ das Kernanliegen Jesu und der Sinn christlichen Lebens ist. Und nichts steht über der Liebe, an der sich alle Normen und Ziele zu messen haben. Liebe zum Leben kennzeichnet die franziskanische Grundhaltung: zu mir selbst, zu anderen Menschen, in der Schöpfung und auch in der Mystik. Religiöse Menschen können darin auch Gottesnamen erkennen: Einer ist „Weg, Wahrheit und LEBEN“, und Gott selbst ist die LIEBE. Doch drängt sich die religiöse Deutung nicht auf.

Drei Strahlen für das ICH

Keine Bewegung in der Kirche soll so viele Originale aufweisen wie die franziskanische! Tatsächlich zeigt sich in ihrer Geschichte eine Vielfalt an Lebensformen. Franziskaner haben die Brille wie auch das Schwarzpulver erfunden, wagten sich im Lauf der Zeit oft als Erste über Grenzen aller Art, fanden schon früh Wege zum Dialog mit der islamischen Welt und den Mongolen, träumten als Erste von einer „indianischen Kirche“, inspirierten Kultur und Kunst in allen Sparten, trugen die Seelsorge auf die Gassen und als Bettelbrüder bis an die Küchentische der entferntesten Bauernhöfe. Franz von Assisi schreibt als erster Christ Rundbriefe an die Menschheit und spricht „alle Menschen auf Erden“ als eine große geschwisterliche Familie an. Franziskanische Freiheit verdankt sich dem Ausbruch mittelalterlicher Städte um 1200 aus dem alten Feudalsystem und dem demokratischen Aufbruch der neu entstehenden Stadtgemeinden. Franziskus radikalisiert jedoch die neue bürgerliche Freiheit, die auf Besitz und Leistung baut: Franziskanische Freiheit vertraut darauf, dass jeder Mensch inspiriert ist – religiös gesprochen: von Gottes Geistkraft geleitet. Wer der innersten Stimme folgt, entfaltet Leben in Fülle und bringt seine Gaben auch für andere zum Leuchten. Freiheit verbündet sich mit Kreativität: Kein Mensch hat alle Talente, und jede Person hat ihre Fähigkeiten. Franziskus ermutigt schöpferische Menschen, ihre Gaben zu entwickeln. Und er selber lernt Selbstsorge, nachdem er in seinem Einsatz für die Welt Raubbau an den eigenen Kräften betrieben und seine Gesundheit ruiniert hat. Gerade engagierte Menschen und soziale Institutionen tun gut daran, Einsatzfreudige zu sensibler Selbstsorge zu ermutigen, ohne die es auf Dauer kein tatkräftiges Engagement für andere gibt. Der dritte Strahl steht für eine Balance zwischen Zeiten der Hingabe für andere und Zeiten der Sammlung. Selbstsorge erschließt dem eigenen Leben neue Kraft, Tiefe und Weite.

Drei Strahlen für das WIR

So viel das Individuum in seiner Originalität und mit seinen Qualitäten zählt, die Begrenztheit von Kraft und Zeit, Gaben und persönlicher Reichweite bringt franziskanisch Inspirierte in ein beherztes Zusammenspiel: in Teams und Gemeinschaften, Werken und Institutionen. Für das Zusammenspiel lassen sich drei Grundhaltungen und Optionen nennen, die sich von anderen Spiritualitäten unterscheiden. Franziskus ist kein Einzelkämpfer, und seine Bewegung setzt auf das Zusammenspiel. Beziehungsfähigkeit ist die Voraussetzung dafür, und Teamgeist macht es möglich, dass Kreativität der Einzelnen sich zu einer gemeinsamen Mission verbindet, Eigenverantwortung mit gemeinsamen Zielen und eigenes Tun mit dem gemeinsamen Plan. Gefährtenschaft erlaubt auch, in Schwierigkeiten Stütze zu finden und Strapazen mit vereinten Kräften zu meistern. Jedes Miteinander baut in der franziskanischen Spielart grundlegend auf Augenhöhe. Franziskus setzt nicht auf vertikale Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, sondern sieht Menschen zunächst grundlegend auf derselben Ebene: je eigen begabt, erfahren, unvollkommen, begrenzt und lernend. Franziskanische Beziehungskultur ist fundamental geschwisterlich, was auch Freimut im Umgang und Konfliktfähigkeit einschließt. Christlich betrachtet orientiert sich diese Spiritualität am „gemeinsamen Vater aller“, an der Mutter Erde, die alle ernährt, und an Christus, in dem sich Gott selbst allen Menschen auf Augenhöhe zeigt. Auch die Franziskus-Bewegung hat wachsend und expandierend Strukturen ausgebildet und sich institutionalisiert. Kreativität und Eigeninitiative, Teamdynamik und Beziehungen auf Augenhöhe fanden dabei in ein Gefüge, in dem die Verantwortlichen für das Zusammenspiel vor Ort, regional oder international Kompetenzen erhalten. Komplexere Formen des Zusammenspiels erfordern integrativen Gemeinschaftssinn und Leitung. Verantwortlichen für das Ganze empfahl Franziskus „mütterliche Sorge“ und deren Sensibilität. Der gemeinsame Weg wird geschwisterlich im Gespräch gesucht, und wo Verantwortliche im Interesse des Zusammenspiels Verordnungen treffen, dürfen sie auf kritischen Gehorsam bauen.

Drei Strahlen für die Sendung

Franziskus sieht seine Bewegung mit ganzer Hingabe im Dienst der Menschen. Seine Brüder und Schwestern wie auch franziskanische Singles und Familienleute begleiten zu allen Zeiten Bedürftige aller Art auf einem Stück Weg. Sie machen sich ihnen zu Weggefährtinnen und -gefährten auf Zeit: sich auf Menschen einlassend, die ihre Würde und Einzigartigkeit haben und selbst in Not nicht Objekte der Sorge sind, sondern Geschwister in einer verletzlichen Phase. Gemeinsame Wegabschnitte sind gegenseitig bereichernd und bringen alle Beteiligten weiter. Zeitlich beschränkte Gefährtenschaft in sozialen oder seelsorglichen Engagements erfordert auch die Kunst des Loslassens und des Abschieds. In seiner Regel und im Schöpfungslied zeichnet Franziskus Sorge und Fürsorge für andere mit mütterlichen Farben. Wie alle Menschen auf die Sorge von „Schwester Mutter Erde“ angewiesen sind, „die uns ernährt und lenkt“, soll menschliche Sorge am Tun einer Mutter Maß nehmen und intuitiv, sorgsam, tatkräftig Gesundheit und Leben, Entfaltung und Wachstum fördern. Das Wohl der Anvertrauten leitet mütterliche Sorge, die wiederum auf erwachsene Eigenständigkeit und Selbstverantwortung abzielt. Anders als Franziskus sehen Klara und viele Brüder auch väterliche Sorge positiv. Ein dritter Strahl heißt wache Ehrfurcht. Sorge für andere ist mit Verantwortung verbunden und bringt Macht mit sich. Franziskus spricht klugerweise von gemeinsamer Sorge. In den Eremitagen sollen jeweils zwei der „Brüder Mütter“ gemeinsam für mehrere Anvertraute da sein. Gemeinsame Verantwortung und der wache Blick füreinander können vor blinden Flecken, übertriebenem Einsatz (Bemutterung) oder nachlässiger Sorge bewahren. Christlich Gesinnte können Schutzlose und Bedürftige wie Franziskus nach dem Matthäusevangelium als Lieblingsgeschwister Jesu sehen, die Gott besonders nahe sind.

Teil eines größeren Ganzen

So sehr Franziskus Bedürftigen eine große Nähe zeigt, verliert er nicht den Blick auf die gesamte Gesellschaft: Seine Bewegung vernetzt sich mit allen Milieus und sozialen Schichten, und sie verweigert sich jeder Form der Exklusivität. Franziskanische Orte und Kreise stehen allen offen, schließen weder Eliten noch Mittellose aus und verbinden Menschen verschiedenster Herkunft, Kultur und Religion. Damit fordern sie eine Gesellschaft heraus, die Privilegierte schützt und Menschen ausgrenzt. Soziale Solidarität weitet sich ökologisch zu einem nachhaltigen Umgang mit der Mitwelt: Schöpfungsliebe. Franziskus ging als Dichter des Sonnengesangs in die Weltliteratur ein: Sein Schöpfungslied sieht Menschen im „einen Haus der Schöpfung“ leben, mit allem, was atmet und von der Erde ernährt wird. Achtsamer Umgang mit Menschen, Tieren und Pflanzen erteilt jeder Ausbeutung der Welt und Leibfeindlichkeit eine Absage. Franziskanische Orte und Kreise sind ökologisch sensibel und ökopraktisch beherzt: im Umgang mit Ressourcen wie Energie, Wasser und Luft, im Gestalten des Lebensraumes, in Küche und Raumpflege, im Entsorgen des Abfalls, im Nutzen der Verkehrsmittel.

Religion als Einladung

Mit Blick auf säkulare Menschen spricht die Wertesonne die religiöse Dimension nur sehr behutsam an. Diese lässt sich für „religiös Musikalische“ bei jedem einzelnen Strahl dazublenden. Der zwölfte Strahl spricht das Allumfassende mit den heute gefragten Begriffen „Mystik“ und „Pilgern“ an. Bei aller Schöpfungsliebe und Freude, in dieser Welt zu leben, weiß Franziskus sich und alle Menschen „als Pilgernde und Gäste auf Erden“. Das irdische Leben ist nicht Ziel, sondern Weg. Es kennt Licht und Dunkel, Glück und Leid, Harmonie und Konflikte, Leben und Tod. Franziskus hört und sieht die Welt als Kunstwerk vom Künstler erzählen, der hinter ihr steht. Alle Lebenswege weisen auf ein letztes und gemeinsames Ziel hin. Erfahrbare Fülle im Leben verweist auf „mehr als alles“, wie Dorothee Sölle Gott nennt. In dieser Offenheit bleibt Franziskus unterwegs, bis er auch mit Schwester Tod den Gott des Lebens feiern wird. Welt, Mensch und Leben derart transparent auf das Göttliche hin zu sehen, ist in franziskanischer Freiheit nicht Gebot, sondern eine Einladung – wie die ganze Wertesonne eine Einladung ist, mit Tiefe und Weite zu leben.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner / Sommer 2021


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