16.07.2020 Bruder Damian Bieger

Der Zweite Weltkrieg und die Deutschen Franziskaner

Kritischer Rückblick auf das Verhalten der Franziskaner in der NS-Diktatur

Ein Wachturm im Konzentrationslager in Auschwitz. Mahnzeichen an eine Zeit des Schreckens.
Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Ende April 2020 haben die deutschen Bischöfe ein Wort zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren veröffentlicht. Der unter Begleitung der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn verfasste Text setzt sich mit dem Verhalten der deutschen katholischen Bischöfe während der Kriegsjahre auseinander. Es ist ein mutiger, selbstkritischer Beitrag zur Erinnerungskultur in einer Zeit, wo in ganz Europa der Rückblick auf den Krieg wieder zu politischem Streit führt.

Die Absicht der Bischöfe ist es, aus dem Verhalten der Vergangenheit für das Heute und die Zukunft zu lernen. Sie geben ein Beispiel für eine Geschichtsschreibung aus der Perspektive der Opfer. Dabei werden Schwächen und Fehler der Vorgänger benannt, ohne besserwisserisch zu sein. Das setzt auch für andere Organisationen Maßstäbe für die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Für die deutschen Franziskaner ist die Zeit von Diktatur und Krieg nicht so aufgearbeitet, dass ein gerechtes, allgemeines Urteil möglich wäre. Das entbindet allerdings nicht davon, erste Schritte zu gehen.

Entsprechend einer allgemeinen Tendenz sahen sich auch die deutschen Franziskaner unmittelbar nach dem Krieg vor allem als Widerständler, Verfolgte und Opfer des Nationalsozialismus – und das durchaus nicht zu Unrecht. Tatsächlich waren Franziskaner – Provinzen und auch Einzelne zunehmend auch offen in Konflikt mit dem Staat geraten. Im Rahmen der sogenannten Devisenprozesse hatte der deutsche Staat die Orden von ihren Missionsgebieten und ihren Auslandsschulen in den Niederlanden zu trennen versucht und wollte sie gleichzeitig in der Öffentlichkeit vorführen. In diesem Zusammenhang wurde ab 1935 zum Beispiel der Provinzial der Sächsischen Franziskanerprovinz, Meinrad Vonderheide, verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Der Provinzial der Thüringischen Provinz, Benedikt Gölz, konnte sich nur durch Flucht ins Ausland einer Verhaftung entziehen.

„Die“ Franziskaner standen auch im Rampenlicht, als es ab 1936 im Rahmen der sogenannten Sittlichkeitsprozesse darum ging, „Gräueltaten“ in „den“ Orden öffentlichkeitswirksam auszuschlachten. Ausgangspunkt waren Anklagen und Verurteilungen von Mitgliedern der Hausener Franziskanerbrüder wegen Verstößen gegen den „Homosexuellen“-Paragraphen 175 sowie wegen sexuellen Missbrauchs von minderjährigen Zöglingen. In der gleichgeschalteten Presse wurde allerdings nicht differenziert, sondern Stimmung gegen alle franziskanischen Ordensgemeinschaften gemacht. In der Folge wurden der ehe-malige Provinzial der Sächsischen Provinz, Ephrem Ricking, und der Provinzsekretär der Kölnischen Provinz, Gregor Hexges, verhaftet und verurteilt: Sie hatten gefährdete Brüder über die Grenze nach Holland gebracht.

Die Liste der Brüder, die in ganz Deutschland von der Gestapo vorgeladen und befragt wurden, ist lang und immer noch unvollständig. Es ging um Äußerungen in Predigten oder Vorträgen, das Weitergeben von Flugblättern, um Aussagen in Briefen oder darum, dass man unterlassen hatte, an Kirche und Kloster die Hakenkreuzflagge zu hissen. In diesem Zusammenhang wurden beispielsweise die Franziskaner Alkuin Gaßmann, Theodor Scholand und Epiphanius Marx zu Gefängnisstrafen oder Haftstrafen in Konzentrationslagern verurteilt.

Im deutschen Martyriologium des 20. Jahrhunderts finden sich auch Namen von deutschen Franziskanern aus dem Ersten Orden, die in Konzentrationslagern ums Leben kamen: Thaddäus Brunke, Kilian Kirchhoff, Petrus Mangold, Elpidius Markötter, Wolfgang Piatkowski, Placidus Sczygiel. Gesondert betrachtet werden muss das Schicksal von Wolfgang Rosenbaum, der in den 1930er Jahren als Jude zum Katholizismus konvertierte und in den Franziskanerorden eintrat. Der Versuch, ihn in den Niederlanden in Sicherheit zu bringen, scheiterte letztlich. Er wurde 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Die Signalwirkung des „Klostersturms“

Von erheblicher Signalwirkung für den gesamten deutschen Katholizismus war der sogenannte Klostersturm zwischen Herbst 1940 und Juli 1941; eine durch die NSDAP angeordnete Beschlagnahmungs- und Aufhebungswelle von über 200 katholischen Klöstern. Betroffen waren unter anderem das Kloster Frauenberg in Fulda, die Klöster in Aachen, Bochum, Hofheim, St. Ludwig-Vlodrop und Ohrbeck. Der Aufschrei in der katholischen Bevölkerung war laut und mit dafür ausschlaggebend, dass die in der Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus uneinigen deutschen Bischöfe sich im August 1943 endlich zu einem gemeinsamen Hirtenwort hatten durchringen können.

Im Krieg waren deutsche Franziskaner als Soldaten beteiligt: Priester und Priesteramtskandidaten als Sanitäter, Laienbrüder bei den anderen Truppenteilen. Nach dem Krieg war in allen Provinzen das Bewusstsein dafür groß, sehr viele Mitbrüder „im Feld“ verloren zu haben. Viele Klöster waren im Bombenkrieg schwer zerstört worden.

Besonders hart hatte es die schlesische Ordensprovinz getroffen: Sie verlor durch die Aufteilung Deutschlands im Jahr 1945 bis auf Berlin-Pankow alle ihre Klöster in den Gebieten, die Polen zugeschlagen wurden. Die Thüringische Provinz und die Sächsische Provinz traten die Häuser in Halle, Hannover und Ottbergen ab. Dort konnten die heimatlos gewordenen Brüder unterkommen, die nicht auf Einzelposten in Pfarreien verblieben oder der polnischen Sprache mächtig waren und sich dafür entschieden, in den Klöstern in Polen zu bleiben.

Unterschiedliche Haltungen zu Krieg und NS-Staat

Das Einfahrtstor zum Konzentrationslager in Auschwitz.
Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Nachweislich gab es auf allen Ebenen der Ordensprovinzen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, denn grundsätzlich war die inhaltliche Gegnerschaft unstrittig. Schaut man heute aus der Distanz auf das Verhalten der Franziskaner in Diktatur und Krieg, wird jedoch klar, dass es eine Verkürzung ist, die Franziskaner in ihrer Gesamtheit auf die Rolle von Widerstand, Verfolgung, Rückzug hinter Klostermauern und Opfer zu reduzieren.

Dass Schwarz und Weiß manchmal schwer zu trennen sind, zeigt eindrucksvoll das Beispiel des Franziskanerdozenten für Altes Testament, Tharsicius Pfaffrath. Einerseits arbeitete er 1934/1935 mit an den „Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts“, einer von den deutschen Bischöfen verantworteten Entgegnung auf die Hauptschrift des nationalsozialistischen Chefideologen, Alfred Rosenberg. Andererseits konnte dieser Franziskaner noch im Sommer 1939, also nach der Reichspogromnacht, auf einer Lektorenkonferenz in einem Vortrag über „Die alttestamentliche Religion und die semitischen Religionen“ vom Kampf „gegen das heutige entartete Judentum“ sprechen, das „nach neutestamentlicher, im Alten Testament grundgelegter Lehre nicht mehr das auserwählte, sondern das verstoßene Volk“ sei. Mit dieser Sichtweise stand er in der Tradition eines religiös begründeten Antisemitismus und war offensichtlich nicht nur vollkommen unempfindlich gegenüber der Verfolgung der jüdischen Mitbürger, sondern begrüßte sie geradezu.

Die Generation der damals älteren Franziskaner gehörte überwiegend zu den Teilnehmern am Ersten Weltkrieg. Aus katholischer Perspektive hatte sich diese Zeit im Nachgang verklärt. Während des Krieges sei man als gleichwertige Bürger des deutschen Reiches anerkannt worden. Davor hatte – nach der Säkularisation mit der Welle von Klosteraufhebungen – das lange 19. Jahrhundert gelegen, eine Epoche offensichtlicher gesellschaftlicher Benachteiligung der Katholiken, und nicht zuletzt der Kulturkampf mit erneuter Vertreibung aus Deutschland. Die Älteren hatten erlebt, dass die Gründung von neuen Franziskanerniederlassungen ohne staatliche Erlaubnis erst seit 1919 wieder möglich war.

Insofern war das Militärische bei vielen dieser Franziskaner völlig akzeptiert und im Notfall auch anschlussfähig an das Ordensleben. Ein wichtiger Vertreter dieser Richtung war der Dozent für Kirchengeschichte, Autbert Stroick. Bei dem Ringen um die Wehrpflicht für die jungen Ordensleute nach 1936 gab es dementsprechend auch Stimmen, die die Disziplin und Ordnung beim Militär für den Nachwuchs als förderlich ansahen. So gibt es Hinweise, dass die Übergabe von Klöstern an Parteiorganisationen und militärische Stellen kurz nach Kriegsbeginn im Jahr 1939 nicht nur als Schutzmaßnahme gegen Beschlagnahmung gedacht war; hier spielte mitunter nationalistisches Gedankengut eine wichtige Rolle.

Dass man das auch anders sehen konnte, zeigt allerdings das Verhalten des Provinzials der Thüringischen Franziskanerprovinz, Vinzenz Rock. Durch Aussendung einer ganzen Reihe junger Brüder in die Mission kurz vor Kriegsbeginn, entzog er sie dem Wehrdienst. Gleichwohl blieben dagegen die Fälle von Kriegsdienstverweigerung durch Franziskaner, wie etwa bei Bentivolius Marxen und Xaverius Walkenbach, eine Ausnahme.

Kampf gegen den Bolschewismus

Eine eigene Ambivalenz wies die Haltung zum Russlandfeldzug ab 1941 auf. Der Kommunismus war mit seinem dogmatischen Atheismus ein klarer Gegner. Über ihre Missionen in China wussten die deutschen Franziskaner von Verfolgungen eigener Mitbrüder durch Kommunisten. Das machte den von der nationalsozialistischen Parteipropaganda ausgerufenen „Kampf gegen den Bolschewismus“ in problematischer Weise anschlussfähig. So wurde in Provinzmitteilungen der Kölnischen Franziskanerprovinz zu Beginn des Feldzuges über die eigenen Mitbrüder als „Ostkämpfer“ berichtet, deren Mission die Befreiung der Christen in Russland sei.

Nach Kriegsbeginn unterschied sich die Sicht auf den Krieg zunehmend: Die „Heimat“ bemühte sich, den Soldatendienst als nationalen Beitrag der deutschen Franziskaner zu sehen und zu dokumentieren. Es wurden Listen mit Auszeichnungen und Beförderungen geführt. Man befleißigte sich eines pathetischen Tonfalls: Im Jahresbericht des Mönchengladbacher Studienhauses hieß es für das Jahr 1940: „Allüberall, wo Brüder weilen, – dort ist Mönchengladbachs Klerikat! Im kalten Osten an Russlands Grenze, am Strande der Ostsee, in Schlesien, Sachsen und Bayern, im Herzen der Ostmark und dort, wo die Puszta beginnt, an Norwegens prächtigen Fjorden, in Hollands weiter Ebene, in Belgiens bevölkerten Landen.« Komplett unterschlagen wurde dabei, dass diese Brüder Mitglieder von Besatzungstruppen waren.

Die Soldaten selber machten dagegen die Erfahrung eines Unterwerfungs-, Vernichtungs- und Versklavungskrieges in seiner ganzen Unmenschlichkeit. Über die erhaltene Feldpost lässt sich nach-weisen, wie sie sich immer weniger von Zuhause verstanden fühlten, je länger der Krieg dauerte.

Trotz vieler Informationen und markanter Befunde ist die Geschichte der deutschen Franziskaner in Diktatur und Weltkrieg noch nicht repräsentativ aufgearbeitet. Nicht zuletzt für die Schlesische und Bayerische Franziskanerprovinz fehlen wichtige Vorarbeiten. Auch das Schicksal der Laienbrüder im Krieg ist für alle Provinzen ein wichtiges, unbearbeitetes Thema. Die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche nach dem Jahr 2010 hat auch zu einem neuen Interesse an den Sittlichkeitsprozessen geführt. Hier mischen sich aktuell das Bemühen um wissenschaftliche Aufklärung und Kontroverse.

Wahrhaftigkeit ist etwas für die Starken. Nur wer den Mut hat, auch kritische Erinnerungen zuzulassen, kann aus der Geschichte für die Zukunft lernen. Maßgeblich bei allem Fragen sollte allerdings gleichzeitig das bleiben, was Bertolt Brecht in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ schreibt:

„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut, in der wir untergegangen sind. Gedenkt wenn ihr von unseren Schwächen sprecht auch der finsteren Zeit, der ihr entronnen seid!“

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Sommer 2020


2 Kommentare zu “Der Zweite Weltkrieg und die Deutschen Franziskaner

  1. Sehr geehrter Bruder Damian Bieger,
    ein gelungener Artikel! Aber bitte korrigieren Sie unbedingt die Schreibung des Namens des Konzentrationslagers in den Bildunterschriften. Korrekt müsste es heißen: „Auschwitz“. Mit doppeltem „s“ ist es ein grober Fauxpas. Viele Grüße.

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