26.10.2021 Kerstin Meinhardt

Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat…

Franziskanische Ordensgemeinschaften und Klimaneutralität

Schwester Beate Krug und ihre Mitschwestern beim Klimastreik im September 2020. Im Jahr zuvor sind die Oberzeller Franziskanerinnen beim Demozug mitmarschiert.
Bild von Theresa Ehlert.

für franziskanisch orientierte Menschen beschreibt der Dreiklang „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ seit mehr als 40 Jahren eine passende Zielformulierung. Wenn es eine Kurzbeschreibung der Herzensanliegen des Heiligen aus Assisi gäbe, wäre sie vermutlich mit genau diesen Begriffen gut auf den Punkt gebracht. Franziskus hatte eine sehr enge Beziehung zu den Armen und Benachteiligten. Er zog sich immer wieder in die Stille und Einsamkeit der Natur zurück und entwickelte eine ihm eigene Nähe zu Gottes Schöpfung. Und immer wieder taucht in den Lebensbeschreibungen der unbedingte Wille des kleinen Armen aus Assisi zum Frieden und zum Friedensstiften auf.

Die Antworten der Ordensleute auf die Frage „Wie haltet ihr es mit dem Klimaschutz? „zeigt dann auch, dass alle drei Aspekte in der Behandlung des Themas Klimaschutz eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus wird deutlich, dass die Orientierung an Franziskus und Klara für die Ordensleute nicht nur Konsequenzen für das persönliche und gemeinschaftliche Beten hat, sondern sich auch im konkreten Tun ausdrücken muss.

Die deutschsprachigen Franziskanerprovinzen hatten daher schon Anfang der Achtzigerjahre eine Kommission „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ eingerichtet, um ganz praktisch sozial- und entwicklungspolitische sowie friedens- und umweltpolitische Fragestellungen zu bearbeiten. Seit dieser Zeit erscheinen die „Tauwetterhefte“ zu diesem Themenkomplex, darunter zahlreiche zu umwelt- und klimapolitischen Problemen. Schon früh wurde seitens der Brüder die derzeit im Rahmen des Klimaschutzes wieder virulente Frage nach einem Ausstieg aus klimaschädlichen Geldanlagen und nach einem ethischen Investment gestellt. Dies führte 2003 zur Gründung der Bank für Orden und Mission. Die jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Anliegen „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ lässt für die deutschen Franziskaner keinen Zweifel aufkommen, dass Klimaschutz und Klimagerechtigkeit unmittelbar zusammen gedacht werden müssen.

In den Antworten aus über 20 franziskanischen Ordensgemeinschaften auf unsere Frage wird deutlich, dass dieses Bewusstsein allerorten vorhanden ist. Es zeigt sich aber auch, dass das konkrete Handeln bruchstückhaft bleibt. Da macht sich bemerkbar, dass fast überall der junge Ordensnachwuchs fehlt und die Schließung großer Häuser oder die Überführung von Werken in neue Trägerschaften Kräfte binden.

Die Verwendung von Recyclingpapier und von energiesparenden Beleuchtungssystemen sind in fast allen franziskanischen Gemeinschaften und in ihren Werken heute selbstverständlich. Publikationen wie diese Zeitschrift werden klimaneutral produziert und mit mineralölfreien Farben gedruckt. Vielfach wird sehr bewusst beim Einkauf auf regionale Bezugsquellen und die Einhaltung ethisch-nachhaltiger Kriterien geachtet. Eine Gemeinschaft schrieb uns, dass sie Kleidung nur noch secondhand erwerben. In vielen Klöstern werden Streuobstwiesen und insektenfreundliche Bepflanzungen angelegt, Nistkästen gebaut und vieles mehr getan, was jeder BUND- oder NABU-Gruppe zur Ehre gereichen würde. Etliche Gemeinschaften haben bereits ihre Heizsysteme auf CO2-sparende Alternativen umgestellt oder planen dies. Auf vielen Dächern wurden – soweit das bei den oftmals denkmalgeschützten Gebäuden möglich ist – Photovoltaikanlagen installiert. Einige haben ihren Fuhrpark reduziert, ganz abgeschafft oder wollen auf E-Mobilität oder Wasserstofffahrzeuge umstellen. Deutlich mehr als vor 20 Jahren sind Brüder und Schwestern mit Bus und Bahn unterwegs. In einigen Fällen wurden auch Aktionen für die Mitarbeitenden in den eigenen Werken gestartet, um ihnen das Umsteigen auf klimafreundliche Alternativen für den Weg zur Arbeit zu erleichtern.

Für die Oberzeller Franziskanerinnen sind diese konkreten Ansätze schon länger Teil ihres Alltags. In ihrem Engagement sind sie einen Schritt weiter gegangen und haben sich verpflichtet, bis 2030 als Gemeinschaft weltweit klimaneutral zu sein. Das bedeutet, eine komplexe, systematische Analyse zu erstellen und die erarbeiteten Maßnahmen umzusetzen. Dafür holen sich die Schwestern externe Unterstützung. Ein Studierender des Umwelt-Campus´ der Hochschule Trier schreibt seine Masterarbeit zur Klimaneutralität bei den Oberzeller Franziskanerinnen. Dass die Ordensfrauen am Stadtrand von Würzburg so viel weiter sind als andere Gemeinschaften, liegt daran, dass sie bereits 2013 bei ihrem Generalkapitel entschieden haben, ein Nachhaltigkeitskonzept zu erarbeiten und das Thema in allen Bereichen ihrer Tätigkeiten und Entscheidungen immer miteinzubeziehen. Sie sind die erste Gemeinschaft, die vor fünf Jahren eine Stelle für eine Nachhaltigkeitsbeauftragte geschaffen hat. Die Diplom-Umweltingenieurin Schwester Beate Krug hat seitdem gemeinsam mit ihren Mitschwestern und Mitarbeitenden Schöpfungsleitlinien entwickelt, die weit über den auch in anderen Gemeinschaften gepflegten sorgsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen hinausgehen. Gerade in Bezug auf Klimagerechtigkeit nehmen sie den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) als eine Messgröße für ihr Handeln und gehen nach dem Prinzip „vermeiden/reduzieren – kompensieren – engagieren“ vor.

Der letzte Gesichtspunkt ist den Franziskanerinnen besonders wichtig, denn sie räumen der Bewusstseinsbildung einen besonderen Stellenwert ein. Schon früh solidarisierten sich die Schwestern mit den Protesten von „Fridays For Future“ und nahmen an Klimastreiks teil. 2019 gehörten sie zu den Gründungsmitgliedern von „Churches For Future“. Im Aufruf zur Gründung heißt es treffend: „Wir als Kirchen und kirchliche Organisationen zollen den Protestierenden großen Respekt und unterstützen die Anliegen der jungen Generation. Ihr eindringlicher Ruf zur Umkehr ist angesichts des fortschreitenden Klimawandels und des viel zu zögerlichen Handelns in Politik und Gesellschaft sehr berechtigt. Seit vielen Jahren setzen auch die Kirchen sich für Klimagerechtigkeit ein, aber wir bekennen, dass auch wir noch zu wenig tun und nicht konsequent genug sind in der Umsetzung unserer eigenen Forderungen. Wir beziehen daher den Ruf der jungen Menschen zur Umkehr auf uns und nehmen ihn ernst. Er erinnert uns an Kernaussagen des christlichen Glaubens zur Bewahrung der Schöpfung und zur Solidarität mit unseren Nächsten.“

Franziskus sagte kurz vor seinem Sterben: „Lasst uns anfangen!“ Dies gilt sicher auch für den Einsatz für Klima und Schöpfung.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Herbst 2021


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