06.08.2020 Text: Beatrice Guarrera, Übersetzung: Br. Johannes Roth ofm

Explosionen in Beirut, Augenzeugenbericht

Schwere Explosion im Hafenviertel von Beirut in der Nähe des Franziskanerklosters

„Ich war in den Räumen unseres Klosters, das sich über der Kirche von Beirut befindet, als ich ein sehr lautes Geräusch hörte, wie ein Flugzeug. Ich ging nach oben, schaute nach draußen und die große Welle, die durch die Explosion verursacht wurde, kam bei uns an.“ Mit diesen Worten versucht Bruder Roger Saad, ein Franziskaner aus dem Libanon, der zur Kustodie des Heiligen Landes gehört und seit vier Jahren im Kloster in Beirut als Ökonom tätig ist, die Katastrophe zu beschreiben, die am Dienstag die Hauptstadt des Libanon heimgesucht hat. Die Kirche, die aufgrund der Corona-Bestimmungen geschlossen war, ist sehr bekannt und wird häufig von Touristen und Gläubigen besucht. Sie befindet sich im Bezirk Gemmaize, nur 800 Meter vom Hafen entfernt, wo die Doppelexplosion stattfand.

„Zum Zeitpunkt der Explosion wurde alles weiß, ich konnte nichts sehen und ich wurde durch den großen Druck nach hinten gestoßen“, fährt Bruder Roger fort. „Ich rannte sofort los, um die anderen Brüder zu finden, und stellte fest, dass es ihnen gut ging, so wie mir. Draußen schrien die Leute und niemand wusste, was passiert war. Ich sah Verletzte, weil viele von Glas aus den Fenstern getroffen worden waren, die aufgrund des Drucks explodierten. Es war wie ein Erdbeben, das alles zerstört hat.“ Aufgrund der Explosion stürzten einige Wände des Klosters ein, die Türen sind heraus gebrochen, das Glas in den Fenstern ist zerbrochen und das Dach scheint ebenfalls schwer beschädigt zu sein. Am Tag nach der Katastrophe müssen auch die Franziskaner aus dem nahe gelegenen Kloster Harissa das zerbrochene Glas entfernen, um in die Räume gehen zu können. Es müssen nun größere Reparaturarbeiten in Betracht gezogen werden.

 

Unbewohnbar. Der Konvent der Franziskaner in Beirut.

„Als ich auf die Straße ging, sah ich, wie die Häuser zerstört wurden, und das tat mir noch mehr weh: Dies alles geschah nach einer sehr schwierigen Wirtschaftskrise für den Libanon“, sagt Bruder Roger. „In den letzten Monaten ist alles immer schlimmer geworden und die Lebenshaltungskosten sind sehr teuer geworden. Viele Menschen hatten bereits ihre Arbeit verloren. Ich fühlte mich schrecklich, wenn ich an die Armen dachte. Ich bin ein Ordensmann, aber Menschen mit Familien, Freunden, wie werden sie es schaffen, ihre Häuser wiederaufzubauen?“. Der Franziskaner erklärte dann, dass er die Nacht damit verbracht habe, in der Kirche Wache zu halten, weil die Türen der Kirche des Klosters zerstört waren. Zum Zeitpunkt der Explosion waren Bruder Maroun Younan, der örtliche Pfarrer, und Bruder Angelico Pilla, der sich um die Kirche kümmert, bei ihm. Der Guardian des Klosters von Beirut und der Verantwortliche für die Region St. Paul, Bruder Firas Lutfi, war zu dieser Zeit in Syrien, um vier Mitbrüder zu besuchen, die mit Covid-19 infiziert sind und in Damaskus leben.

Heftige Zerstörungen in der Franziskanerkirche in Beirut.

„Sobald die Explosion stattfand, kontaktierten mich die Brüder mit einem Videoanruf und ich hörte die Schreie eines Bruders, der sagte, dass alles in die Luft gesprengt worden sei: das Kloster, die Räume, alles“, sagt Bruder Firas. „Ich dachte sofort, es sei eine Autobombe oder eine Rakete gewesen, aber die Brüder sagten mir, dass es nur etwas sehr Ernstes sei und sie nicht wüssten, was passiert sei. Ihre Gesichter waren mit Staub bedeckt, aber ich konnte sehen, dass es ihnen gut ging. Wir schickten den ältesten Mitbruder für die Nacht in das nahe gelegene Franziskanerkloster von Harissa. Die anderen beiden Brüder blieben dort, weil sie sich Sorgen machten, dass jemand herein käme.“ Bruder Firas erklärte, dass in solchen Situationen großes Chaos herrsche, dass es in den letzten Monaten in Beirut Demonstrationen und Proteste wegen Hungers gegeben habe, ein Problem, das sich aufgrund der Covid-19-Pandemie noch verschlimmert habe. „Wegen der Explosion werden viele Familien obdachlos sein. Sie könnten die Geschäfte wegen Hunger angreifen“, fuhr er fort. „Wir müssen darüber nachdenken, das Kloster und die Kirche wiederherzustellen. Es ist ein Haus von großem künstlerischem Wert, denn vor zweihundert Jahren fand hier die allererste Theateraufführung in Beirut statt. Das Kloster gilt als Teil des historischen Erbes von Beirut.“ Bruder Firas Lutfi ruft zur internationalen Solidarität auf: „Ich glaube, dass das Wort Solidarität alles zusammenfasst: spirituelle Solidarität im Gebet, menschliche Solidarität, um den Tausenden von Opfern zu helfen. Sehr viele Familien sind jetzt obdachlos und dies ist eine weitere Katastrophe für den Libanon, der derzeit viele schwierige Situationen zu bestehen hat.“

Aus Jerusalem sandte der Kustos des Heiligen Landes, Bruder Francesco Patton, eine Nachricht an die Brüder, um sie zum Beten einzuladen: „Ich lade euch alle ein, für die Toten, für die Verwundeten und für ihre Familien zu beten. Ich lade euch ein, zu beten, damit diese Episode eine zufällige Episode bleibt und nicht zu einem neuen Konflikt führt. Möge der Fürst des Friedens, unser Herr Jesus Christus, dem Libanon Frieden geben, und möge die Königin des Libanon alle ihre Kinder beschützen.“

Weitere Informationen auf der Seite des Christian Medie Centers


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