Benedikt Mertens ofm

Franziskanische Familie

Franziskaner zwischen Einheit und Vielfalt

Alle drei verbindet das Lebensideal des Heiligen Franziskus in den Fußspuren Christi und seinem Evangelium.
Bild aus Zeitschrift Franziskaner Heft Sommer 2017.

Menschen, die ein Tau-Kreuz um den Hals tragen, kann man unschwer als franziskanisch inspiriert erkennen. Das gilt auch für die Kuttenträger mit der weißen Kordel. Aber nur der „Eingeweihte“ wird auch gleich an Farbe und Form des Ordenskleides erkennen, ob es sich dabei um Franziskaner, Konventualen (bzw. „Minoriten“) oder Kapuziner handelt. So lauten die eher volkstümlichen Bezeichnungen der drei Männerorden, die aus der Gemeinschaft der Minderbrüder um Franziskus von Assisi hervorgegangen und heute in Deutschland mit je einer Ordensprovinz vertreten sind. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das Erscheinungsbild des Minderbrüderordens in der Vergangenheit noch viel unübersichtlicher war. Aber wie kam es überhaupt zu dieser Vielfalt? Macht sie heute noch Sinn?

„Ich habe das Meine getan, was euer ist, möge euch Christus lehren!“ Mit diesen Worten entließ der sterbende Franziskus seine Brüder in eine selbstverantwortete offene Zukunft. Zwar wusste sich die junge Gemeinschaft an die gemeinsame Regel und das inspirierende Beispiel des Gründers gebunden; die konkrete zukünftige Gestalt jedoch galt es immer wieder neu zu finden im Hinhören auf das Gotteswort und auf die religiösen und sozialen Anliegen der jeweiligen Zeit. Der Bewegung standen unendlich viele Gestaltungsformen offen, was freilich, historisch gesehen, zu einer Profilunschärfe führte. Wofür stehen die Franziskaner eigentlich? Das ließ und lässt sich leichter bei den reinen Priesterorden sagen oder auch bei denjenigen neuzeitlichen Gründungen, die man „funktionale Orden“ nennen könnte, da sie ein bestimmtes Aufgabengebiet als Gründungszweck und Identitätsmerkmal aufweisen.

1517: die erste Spaltung

Vielen Spaltungen und Neugründungen innerhalb des franziskanischen Männerordens lagen denn auch keine konkreten sozial-pastoralen Orientierungen zugrunde, sondern die Intuition, etwa den Armutsgedanken oder die kontemplative (zurückgezogene) Lebensweise der Anfangszeit wieder neu zu beleben. Die Reformgruppen nutzten dazu die verfügbaren Charismen in den eigenen Reihen und machten sich die hilfreiche Unterstützung durch kirchliche und weltliche Würdenträger dienstbar. Guadalupenser, Amadeiten und Clarener benannten sich nach ihrem Ideengeber, die Colettaner gar nach Colette von Corbie (1381–1447), der französischen Klarissenreformerin. Nominell blieben alle Gruppierungen der Minderbrüder unter dem Dach des einen Franziskanerordens geeint, bis Papst Leo X. im Jahr 1517 alle reformwilligen Brüder im sogenannten Orden der Minderbrüder von der regulären Observanz (kurz „Observanten“ – als Ausdruck der strikten Befolgung der Armutsforderungen der die (Ordensregel) zusammenfasste. Daneben bestand der nun separate Orden der Franziskaner-Konventualen, die sich mehr auf ein Gemeinschaftsleben in Großkonventen verlegt hatten und aufgrund päpstlicher Privilegien Eigentum erwerben durften.

Ein franziskanischer Flickenteppich

Wie aus dem einen Stamm viele Zweige treiben, so entwickelten sich aus dem einen Ursprungsorden die verschiedenen Ordenszweige.
Bild von Zeitschrift Franziskaner / Heft Sommer 2017

Doch diese Zäsur war nicht mehr als eine historische Momentaufnahme, da die nächsten Reformer sozusagen bereits in den Startlöchern knieten. Die Kapuziner, welche sich zunächst „Minderbrüder vom eremitischen Leben“ nannten, breiteten sich seit 1574 von Italien herkommend über die Alpen aus und erlangten 1619 die völlige Eigenständigkeit als nunmehr dritter Minderbrüderorden. Ihr ursprünglich zurückgezogenes Leben wich jedoch bald einer umfangreichen Predigttätigkeit. In Italien, Spanien und Frankreich bildeten sich etwa zeitgleich die Reformgruppen der Reformaten, Alkantariner und Rekollekten innerhalb des Observantenordens aus. Auch hierzulande spiegelten sich diese Prozesse. Nach den Ein-schnitten von Reformation und Dreißigjährigem Krieg wieder erstarkt, nahm sich die franziskanische Präsenz in den (ungefähren) Grenzen des heutigen Deutschlands wie ein Flickenteppich aus. Die Konventualen waren mit zwei, die Kapuziner mit vier Provinzen vertreten. Aufseiten der Observanten nahmen vier Provinzen die Rekollektenreform an. Die bayerische sowie die nach Südwestdeutschland hineinragende vorderösterreichische Provinz dagegen schlossen sich auf Druck der Landesherren den Reformaten an und unterhielten enge Beziehungen nach Italien. Im Grunde genommen versuchten Rekollekten wie Reformaten, dem franziskanischen Armuts-und Bußgedanken eine neue Gestalt zu geben, wobei sich die Rekollekten – wie im Namen („die Gesammelten“) angedeutet – auch als Spezialisten des inneren Gebetes profilierten

Wiedervereinigung und/oder franziskanische Ökumene?

Nach den Einbrüchen des 19. Jahrhunderts – die meisten Orden hatten nicht nur numerisch unter den diversen Säkularisierungswellen gelitten – wurde der Observantenorden neu aufgestellt. Papst Leo XIII. sah in einem geeinten Orden größere Chancen für eine tiefgreifende Erneuerung. So vereinigte er 1897 alle der Observanz zugehörigen Zweige zum Minderbrüderorden, deren Mitglieder sich heute – in Abhebung von den Konventualen und Kapuzinern – weithin einfach Franziskaner nennen. Heutzutage mag es so aussehen, als sei die Maßnahme Leos XIII. halbherzig gewesen, da sich die Frage weiterhin stellt: Ist es nicht an der Zeit, dass sich alle historischen männlichen franziskanischen Erstordenszweige zusammenschließen, um ein für alle Mal einen Schlussstrich unter die oft hässlichen und banalen Rivalitäten der Vergangenheit zu ziehen? Was Franziskaner, Konventualen und Kapuziner heute voneinander trennt, ist in der Tat relativ unerheblich und drückt sich vor allem durch unterschiedliche gruppenspezifische Verhaltensformen und Gebräuche aus. Diese Orden auf weltweiter Ebene zusammenzuführen, käme jedoch einem administrativen Herkulesakt gleich, der die Kräfte der Brüder für mindestens ein oder zwei Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde. Dabei rücken die franziskanischen Männerorden bereits heute mehr zusammen. Gemeinsame Projekte mit den je anderen Ordenszweigen, aber auch mit Franziskanerinnen und Klarissen führen zu einer gelebten „franziskanischen Ökumene“, die überraschende Synergien schafft; wie beispielsweise bei dem in der weltweiten franziskanischen Familie angewandten Lern-und Reflexionsprogramm zum franziskanisch-missionarischen Charisma. Zudem werden die jungen Ordensmitglieder dazu angeleitet, über den nationalen Tellerrand zu schauen und sich auf die internationale Vernetzung der franziskanischen Bewegung einzulassen. Momentan schicken die deutschen Franziskaner ihre Novizen nach Killarney/Irland, die Kapuziner nach Salzburg und die Konventualen nach Assisi.

Im späten 17. Jahrhundert erklärte der niederländische Minderbruder Mathias Croonenborch das Fehlen eines einheitlichen franziskanischen Exerzitienentwurfes mit dem Hinweis auf die unterschiedlichen Vorlieben in Sachen geistliche Übungen, genauso wie die einen ja den spanischen, andere den Rheinwein bevorzugen würden. Eine strikt reglementierte Uniformität war noch nie die Stärke der franziskanischen Bewegung. Vielleicht braucht es diese auch gar nicht, solange der „franziskanische Wein“ – in allen seinen farblichen und geschmacklichen Nuancen – nach der Freiheit des Evangeliums und der Lebensfreude des „kleinen Armen aus Assisi“ schmeckt.

Erstveröffentlichung in Zeitschrift Franziskaner Heft / Sommer 2017


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