28.09.2020 Bruder Niklaus Kuster

Verwirrung um Namen der Papst Enzyklika „Fratelli tutti“

Wen Franz von Assisi in den ersten Worten der neuen Enzyklika anspricht

Der Titel der dritten Enzyklika von Papst Franziskus provoziert mit ihren Eingangsworten „Fratelli tutti“ teilweise heftige Reaktionen. Bereits Wochen bevor die dritte Enzyklika von Papst Franziskus in Assisi unterzeichnet wird und ihr Text veröffentlicht ist, entbrannte eine Debatte über ihren Titel. Im deutschen Kulturraum nehmen sich Frauen vor, ein Schreiben nicht zu lesen, welches sich einzig an „alle Brüder“ wende.

Unsensible Übersetzungen verkennen, dass Franz von Assisi im zitierten Werk sowohl Frauen wie Männer anspricht. Der mittelalterliche Dichter tritt wie die neue Enzyklika für eine universale Geschwisterlichkeit ein. Papst Franziskus leitet Licht auf eine spirituelle Perle des Mittelalters, die moderne Leserinnen und Leser überraschen kann.

Papst Franziskus eröffnet sein neues Rundschreiben mit einem Weisheitswort seines Vorbilds. Wer mit vermeintlicher Texttreue auf einer rein männlichen Übersetzung beharrt, verkennt den wahren Adressaten der mittelalterlichen Sammlung: Franz von Assisi richtet sich mit der Endgestalt der Textkomposition an alle Christgläubigen. Übersetzungen in moderne Sprachen müssen dies sorgsam und unmittelbar verständlich zum Ausdruck bringen.

Die vom Papst zitierte (sogenannte) sechste Ermahnung des heiligen Franziskus verdichtet vom Entstehungskontext her eine Erkenntnis aus einem spirituellen Gespräch im Kreis der Minderbrüder. Der spirituelle Impuls, der die Eröffnung der neuen Enzyklika inspiriert, wird jedoch von Franziskus gegen Ende seines Lebens wie eine Säule ins „Haus der Weisheit“ eingefügt, deren Säulenkapitelle zu Bildszenen ausgestaltet sind und miteinander korrespondieren. Zum Gang durch dieses spirituelle Gebäude sind nicht nur Brüder geladen, sondern alle Glaubenden und alle Menschen auf Erden. Das „omnes fratres“ oder „fratelli tutti“ der Enzyklika ist daher als Zitat des heiligen Franziskus so zu übersetzen, dass sich Männer und Frauen insgesamt angesprochen fühlen.

„Fratelli tutti“ – Wir Geschwister alle!


Bruder Niklaus Kuster (1962) ist Schweizer Kapuziner, promovierter Theologe und ein ausgewiesener Franziskusforscher. Er lehrt an der Universität Luzern Kirchengeschichte sowie an den Ordenshochschulen von Münster und Madrid franziskanische Spiritualität.

 


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