19.09.2023 Bruder Natanael Ganter

„Das Schwierigste ist die Beerdigung von jungen Männern, die ich als Kinder getauft habe …“

Exklusivinterview mit dem Bischof von Odessa-Simferopol im Süden der Ukraine.

Pater Stanislav Schyrokoradjuk OFM ist Bischof von Odessa-Simferopol im Süden der Ukraine am Schwarzen Meer. Er war für einige Tage in Deutschland, um an einem Kongress von Renovabis teilzunehmen. Wir haben ihn am 15. September in München zu einem Interview getroffen.

 

Bischof Pater Stanislav Schyrokoradjuk OFM. Bild von Deutsche Franziskanerprovinz

Bischof Stanislav, wie ist die Situation heute in ihrem Bistum?
Wir sind im Krieg. Odessa wird bombardiert mit Raketen und Drohnen. Es ist leider Alltag geworden, dass die Sirenen heulen, um einen weiteren Luftalarm anzukündigen. Die Leute haben sich mittlerweile an die Situation gewöhnt. Sie gehen in den Supermarkt oder sitzen im Restaurant und reagieren meist sehr gelassen. Bombardierung fühlt sich leider schon normal an – das ist es aber nicht, und darf es nie werden!

Daran erinnern mich die Beerdigungen von jungen Männern – die ich leider viel zu oft halten muss. Das ist sehr schwierig für mich. Manche habe ich getauft oder getraut, und nun sind die jungen Männer gefallen – Opfer dieser „russischen Mission“. Es sind auch Kinder gestorben und verletzt worden. Regelmäßig besuche ich die Soldaten in den Krankenhäusern. Oft schwer verletzt, manche ohne Beine, sie werden ihr Leben lang behindert sein.

Täglich halten wir in der Kathedrale in Odessa ein Requiem für die Verstorbenen. Und viel Menschen kommen, um zu beten und zu trauern. Sonntags in der Kathedrale in Odessa haben wir heute sechs heilige Messen. Alle sehr gut besucht.

Kommen heute mehr Leute in die Kirche als vor dem Krieg?
Ja, viel mehr. Es ist eine Bekehrung spürbar. Aber es sind auch viele Flüchtlinge nach Odessa gekommen. 70.000 Menschen aus Cherson und dem Donbas haben hier Zuflucht gefunden. Und viele kommen in die katholische Kirche. Auch orthodoxe Christen kommen zu uns, denn sie sind bestürzt über die russisch-orthodoxe Kirche, die den Krieg gegen die Ukraine gesegnet und gutgeheißen hat! Das ist höchst unmoralisch!

Odessa ist noch immer eine freie und funktionierende Metropole in der Ukraine. Das ist nicht selbstverständlich, denn vor 1 ½ Jahren stand Odessa im Zentrum der Angriffe. Wie haben sie damals den Kriegsbeginn erlebt?
Ja, Kiew, Charkiw und Odessa standen in der ersten Reihe dieser Aggression. Die russische Marine stand vor unserer Stadt. Hier in Odessa haben sich die Menschen vereinigt zum Gebet, Katholiken, Protestanten und Ukrainisch-Orthodoxe. Wir haben die ganze Nacht gebetet und plötzlich kam ein Sturm auf, auf dem Schwarzen Meer. Die Schiffe zogen sich zurück, kamen aber bald erneut, und wieder haben wir gebetet, und ein Sturm zog auf und blieb drei Tage. Das ist für mich das Wunder von Odessa! Später gelang es der ukrainischen Armee, das russische Schlachtschiff „Moskwa“ zu zerstören. Seither haben die Russen Angst und die Flotte kommt nicht näher als 100 km an Odessa heran. Uns hat auch gerettet, dass die ukrainische Armee in Mykolajiw standhalten konnte. Das ist die nächste Großstadt, 130 km östlich von uns, zwischen Odessa und Cherson. Wäre Mykolajiw gefallen, wäre der Landweg frei, und wir wären die nächsten gewesen.

Odessa ist eine internationale Stadt. Viele Polen, Bulgaren, Griechen und auch Russen leben hier. Ca. 25 % der Menschen sind russischstämmig. Viele junge Männer, auch die russischen Ukrainer, haben sich freiwillig gemeldet für die ukrainische Armee. Ich habe mit einigen gesprochen, und sie sagen: „Das ist eine Bürde, ich muss meine Heimat hier und meine Familie verteidigen – in der ukrainischen Armee“.

Haben sich denn viele Menschen freiwillig gemeldet für die Armee?
Ja, in den ersten Monaten waren es so viele, sie konnten nur sich registrieren, aber nicht einrücken. Selbstverständlich möchte niemand in die Armee, niemand möchte eine Waffe nehmen und auf andere Menschen schießen und sein Leben riskieren. Aber es ist Krieg und wir werden angegriffen, die Bereitschaft für die Mobilisierung ist sehr hoch. Ich kann das verstehen. Auch Mitarbeiter der Kirche haben sich gemeldet und wurden eingezogen. Wir hatten in der Diözese ein „Bau-Team“ für Instandhaltung und Renovierung von Kirchen. Heute passiert hier nicht mehr viel, obwohl viele Kirchen beschädigt sind und man sich kümmern müsste – wir haben jetzt Probleme mit Arbeitskräften. Auch generell, sieht man heute viele Frauen in Männerberufen, beispielsweise als LKW-Fahrerin.

Also die Aggression begonnen hat, was haben Sie ihren Priestern im Bistum Odessa-Simferopol empfohlen?
Ich hatte schon drei Tage vor dem russischen Überfall auf die Ukraine einen Brief geschrieben. Ich habe die Zeichen gesehen und ahnte, dass Krieg auf uns zukommt. Ich habe klare Instruktionen gegeben, dass das Allerheiligste aus der Kirche entfernt werden muss, und die Tabernakel offenbleiben müssen. Auch die Kirchentüren müssen offenbleiben. Die wichtigsten Dokumente sollten gesichert und versteckt werden, und jeder Priester musste in seiner Pfarrgemeinde den Menschen bei der Evakuierung helfen. Hauptsächlich Frauen und Kinder. Die Reichen mit eigenem Auto waren sofort weg, aber für die Ärmsten mussten Busse organisiert werden.

Aber jedem Priester stand es absolut frei zu entscheiden, was er selbst machen wollte – und alle, ohne Ausnahme, sind geblieben. Einige Orte wurden von den Russen besetzt. Ich habe zwei junge Priester in der Gegend von Cherson, die heute mit ihrer Gemeinde unter russischer Besatzung leben. Auch die Krim-Halbinsel ist Teil meiner Diözese Odessa-Simferopol. Das Gebiet ist schon seit 2014 russisch besetzt. Seit 8 Jahren, seit dem Annexionskrieg ist mein Weihbischof vor Ort. Er ist geblieben, als die Russen kamen, zusammen mit 11 Priestern.

 

Landkarte der Ukraine und der Diözese Odessa-Simferopol

Wie ist das Leben unter der Besatzung?
Sie werden oft kontrolliert. Überall gibt es Kameras, sie werden abgehört und bespitzelt. Privat und in der Kirche. Aber sie halten sich an die Anweisung und arbeiten nur pastoral und sind unpolitisch. Sie machen ihre Arbeit in den Gemeinden, denn das Leben geht ja weiter für die Menschen: Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, Hilfe für die Armen, Seelsorge, Kindergarten, Schule … Aber die Arbeit ist rein pastoral, niemals politisch. Das wäre sehr gefährlich, denn dann bliebe die Pfarrei ohne Priester, das wäre noch schlechter.

Zwei Kirchen wurden leider von den Russen geschlossen, sie wurden in Militärlager umgewandelt. Vier Kirchengebäude im Gebiet von Mykolajiw haben wir verloren, davon eine sehr alte, historische Kirche. Sie wurden zusammen mit ihren Städten und Dörfern von den Russen zu Ruinen zerbombt. Dort steht heute nichts mehr. Dort verloren wir auch viele junge Leute, Männer und Frauen, das ist ein großer Schaden.

Was muss passieren, dass es wieder Frieden geben kann in der Ukraine?
Wir brauchen das Gebet. Mit Gottes Hilfe kommt Frieden, deshalb müssen wir beten. Wir bestehen seit 1 ½ Jahren gegen die russische Armee, das ist wie der Kampf David gegen Goliath. Können wir das gewinnen? Ich denke, es muss etwas in Russland selbst geschehen. Der Fall der Sowjetunion hat in Moskau begonnen.

Ich denke aber, dass die Sowjetunion nicht so zerfallen ist, wie wir uns das vorstellen. Diese Ideologie und der Wunsch nach einem Imperium ist in Russland immer lebendig geblieben. Der Krieg gegen die Ukraine geht nicht um Territorium, es geht um Ideologien.
Wir in der Ukraine machen seit Jahren alles, um uns von dieser sowjetischen und kommunistischen Vergangenheit zu befreien. Wir haben uns gelöst von dieser nostalgischen sowjetischen Ideologie. Wir hoffen, dass dieses Verständnis auch irgendwann nach Russland kommt, aber wir können nur warten – und beten.

Gibt es ein spezielles Gebet in Odessa, das Sie in dieser Zeit den Gemeinden sprechen?
Ja, wir beten täglich zum Erzengel Michael und bitten für die armen Seelen der Verstorbenen. „Heiliger Michael, schütze uns vor den dunklen Kräften. Beschütze uns als Gottes Volk, schütze unsere Seelen. Verteidige uns gegen das Böse …“ Es ist ein Gebet aus dem Exorzismus. Und ich meine, das ist passend, denn dies ist ein teuflischer Krieg, der durch Lügen, Hass und Vernichtung über uns gebracht wurde. Der Teufel ist der Vater der Lügen, und der ganze Krieg ist doch eine einzige Lüge. In Russland ist es verboten, von „Krieg“ zu sprechen. Es sei eine „Spezial-Operation“, um den Menschen in der Ukraine Freiheit zu schenken und sie zu retten vor den „Nazis“! Und Millionen Russen glauben das und freuen sich darüber. Diese schreckliche Propaganda hat in den letzten Jahren in Russland alles dafür getan, um diese Lügen aufzubauen.

Viele Menschen in den christlichen Kirchen in Deutschland sind engagiert in der Friedensbewegung. Manche sind seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine in einem Dilemma: Sie sind Pazifisten, gleichzeitig erkennen sie die Notwendigkeit, dass sich die Ukraine verteidigen darf und Waffen braucht und wir ihnen beistehen sollten.
Ja, Pazifismus ist gut. Über Frieden reden ist sehr gut. Ich bin auch Pazifist, ich brauche Frieden. Aber bitte, was haben wir? Wie viele Ruinen, wie viele Tote? Und was sollen wir jetzt tun? Singen über Frieden?

Ich rate: Kommen Sie in die Ukraine, gehen Sie nach Mariupol oder Bachmut oder nach Butscha bei Kiew, und erzählen Sie den Leuten dort von ihrer pazifistischen Idee!

Nein, wir müssen uns verteidigen, und wir brauchen die Hilfe unserer Nachbarn. Wir müssen den Frieden verteidigen, auch mit Waffengewalt. Ich fürchte, Putin versteht keine andere Sprache.

Was wäre das für ein Friede, wenn die Ukraine keine militärische Unterstützung mehr bekommen würde?
Ganz einfach: Dann verlieren wir alles, dann stirbt die Ukraine. Putin wird das ukrainische Volk vernichten. Wenn die Ukraine sich nicht mehr verteidigen kann, und unter die Okkupation Russlands fällt, dann wird es wieder Säuberungen geben, wie damals unter Stalin. Es werden viele Menschen verhaftet und hingerichtet – oder einfach verschwinden. Es wird keine Freiheit mehr geben. Gott bewahre uns.

Ich träume aber von einer anderen Zukunft, von einem Leben in Freiheit und Frieden, und einem Wiederaufbau mit Hilfe unserer Partner in Europa – und uns wurde in der Vergangenheit schon viel geholfen, deshalb weiß ich, dass ich darauf vertrauen darf. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion helfen uns beispielsweise Renovabis, Kirche in Not und weitere Organisationen, die Kirche hier aufzubauen. Es wurde schon unglaublich viel getan, und bereits heute gibt es Pläne und Projekte, was nach dem Krieg nötig sein wird.

Es kommt Frieden – mit Gottes Hilfe!


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