22.12.2020 Bruder René Walke

Jesus der Prophet

Gemeinsame prophetische Tradition

„Jesus kam auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Eine Torarolle. Bild von dietermann / pixelio de.

„Jesus kam auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ Lukas 4,16-19 (vgl. Jesaja 61,1-2)

Frag jemanden, ob er oder sie gerne Prophet sein würde, und du wirst spüren, ob du einen vor dir hast. Es gibt nicht den Berufswunsch Prophetin oder Prophet – dies gilt nur für die falschen Propheten. Die wahren Propheten versuchen sich zu wehren – gegen diesen ihren Auftrag, der nicht den gegenwärtigen Status quo festigen will und dies auch nicht kann, sondern genau dort einen unbequemen Hebel ansetzt. Jesus steht in dieser prophetischen Tradition, deren Ziel es letztlich ist, den Menschen zum Vertrauen auf Gott zu führen. Dort, wo Könige ihre Truppen zählen, werden sie von den Propheten gerügt – auch dort, wo die Herrscher Allianzen gegen Feinde schmieden wollen, fragen sie scharf nach: „Wollt ihr jetzt auf Gott vertrauen oder auf den Bündnispartner?“ Das prophetische Wort ist ein Stachel im Fleisch der Gleichgültigkeit. Es fordert Aufmerksamkeit, weil das Leben – so wie es ist – nicht weitergehen kann.

Mut zum Widerstand

Die Worte, die Jesus aus der Schriftrolle vorliest, sind positive Formulierungen für einen heilsamen Wandel – und die Menschen in Nazaret sind begeistert: „Alle stimmten ihm zu und waren erstaunt über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen.“ (Lukas 4,22)

Alle sind begeistert von Jesus, von seinen Worten, die endlich Freiheit und Heilung versprechen – doch noch im gleichen Absatz im Lukasevangelium wollen sie ihn töten. Prophetenschicksal: Sie begeistern und bringen Menschen in unglaublichen Widerstand.

In den gnadenreichen Worten, die Jesus aus dem Buch Jesaja zitiert, steckt auch die Beschreibung der Missstände: Die Armen, die die frohe Botschaft hören, gibt es allezeit, und Reiche, die von Habgier besessen sind, sorgen dafür, dass es so bleibt. Einflussreiche Menschen, die sich auf die Seite der Armen stellen, werden zur Zielscheibe destruktiver Kritik und, gleich den biblischen Propheten, aus dem Weg geschafft.

Die Gefangenen, die frei sein werden, sind eine Gefahr für ihre Verurteiler und Wächter. Gefangen in Unwissenheit und fehlender Bildung haben viele Menschen nicht die Möglichkeit, gegen unterdrückende Strukturen zu kämpfen. Auch hier werden die Menschen, die ihre Stimme für sie erheben, niedergemacht. Die Blinden, die das Augenlicht bekommen, sehen nun diejenigen, die ihnen die Augen verbunden haben. Populistische Parolen lullen viele Menschen ein und blind folgen sie ihren Verführern, die die Wahrheit Lügenpresse nennen und die Lüge als alternative Fakten etablieren. Es braucht viel Mut, die Stimme gegen den Hass zu erheben.

Schließlich werden die Zerschlagenen befreit und schauen auf ihre Vergewaltiger und Peiniger: Alleine, dass es Worte wie Zwangsprostitution, Menschenhandel oder Folterkammer gibt, zeigt die dringende Notwendigkeit, dass prophetische Frauen und Männer die Not und Qual beim Namen nennen und sich für die einsetzen, die keine Luft mehr bekommen – nicht zuletzt im Einsatz für die zerschlagene Schöpfung.

Erlösung und Befreiung

In all diesen Botschaften stecken sowohl Leben als auch Tod: Die Befreiung auf der einen Seite, der Widerstand gegen diese Befreiung auf der anderen. Jesus nimmt diese Spannung ganz in sein Leben hinein: Als er am Kreuz ausgespannt und festgenagelt ist, wird die Not der Welt auf schmerzlichste Weise deutlich. Er ist der Prophet, der nicht nur auf Gott verweist, sondern als Sohn Gottes selbst den unbedingten Heilswillen Gottes in seiner Hingabe für alle Menschen aufzeigt.

In jedem Einzelnen lassen sich sowohl die Sehnsucht zur Befreiung als auch der Widerstand gegen eine heilende Wandlung des eigenen Lebens finden. In mir regt sich etwas auf, wenn ich loslassen soll: Da sind die Vorverurteilungen gegen Menschen, die anders denken als ich, seien sie liberaler oder konservativer. Da ist vielleicht auch meine eigene Blindheit in Bezug auf einen Menschen, der mich braucht und den ich ablehne. Schließlich blicke ich auf meine eigene Zerschlagenheit der inneren Verletzungen, an denen ich täglich leide und die ich nicht vergessen und vergeben kann oder will.

Daneben steht die Sehnsucht, so wie ich bin, angenommen und geliebt zu sein, den anderen ebenso zu begegnen, den inneren Frieden zu finden und ihn weiterzugeben. Der Wunsch, endlich heil zu werden, ist verbunden mit dem heilsamen Freigeben der Menschen, die ich in der geballten Faust meiner Verurteilung gefangen halte.

Um all diese inneren und äußeren Kämpfe des Menschen selbst zu durchleben und zu durchleiden, ist Jesus einer von uns geworden. Seine Prophezeiung an uns ist leidenschaftliche Einladung zum Vertrauen, dass Erlösung und Befreiung wahr sind und gleichzeitig der Aufruf, selbst prophetisch aufzustehen, um Gerechtigkeit und Gottvertrauen in der Einen Welt zu fordern und zu fördern.

Gnadenjahr des Herrn

Das alles lässt mich immer noch nicht den Berufswunsch „Prophet“ verspüren – das ist nichts, was man werden will: Es ist eine Konsequenz, die aus der eigenen Erfahrung von Freiheit und Gerechtigkeit entspringt und sich verbreiten will und muss.

Bei der Taufe werden wir gesalbt und sind mit Jesus gemeinsam Gesalbte. Daher gelten uns allen die Worte des Propheten Jesaja: „Der Geist Gottes ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt; er hat mich gesandt, um den Armen frohe Botschaft zu bringen, um die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, um den Gefangenen Freilassung auszurufen und den Gefesselten Befreiung, um ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen.“ (Jesaja 61,1,2a)

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Mission 4 / 2020


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