Stefan Federbusch ofm

Jesus – ein Lernender

Begegnung schafft neue Perspektiven

Jesus unter den Schriftgelehrten. Majolikamalerei. Bild von Stefan Federbusch ofm.

Um zu begreifen, wie der andere denkt und fühlt, sollte ich mich in ihn hineinversetzen und einen Blick aus seiner Sicht auf die Dinge werfen. In diesem Sinne ist der andere eine Provokation, jemand, der mich herausfordert und herausruft aus meiner möglicherweise einseitigen Sichtweise.

Dialog setzt eine gewisse Gleichrangigkeit voraus, ein partnerschaftliches miteinander Reden auf gleicher Augenhöhe, das den anderen Gesprächspartner achtet und anerkennt. Die Gesprächsatmosphäre sollte geprägt sein von Vertrauen, von gegenseitigem Respekt und von Toleranz gegenüber anderen Überzeugungen, Standpunkten und Lebensweisen. Es bedarf des vor¬urteilslosen Aufeinanderhörens und der Offenheit für Neues und bisher Fremdes. Dies verlangt Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, sich und dem anderen gegenüber. Dialog funktioniert nur, wenn er auf einer gemeinsamen Ebene stattfindet und nicht vom Beherrschenwollen und einem Gefühl der Überlegenheit geprägt ist. Der Austausch wird kaum gelingen, wenn einer der Beteiligten für sich beansprucht, die absolute Wahrheit zu besitzen.

Jesus und Dialog

Dialog ist ein moderner Begriff, den wir so in der Bibel nicht finden. Auch können wir sein heutiges Verständnis nicht einfach rückprojizieren auf die Evangelien. Gleichwohl können wir fragen, ob sich einzelne Aspekte wiederfinden, ob und wie Jesus im Gespräch mit Menschen war, wie er sich als „Lehrer der Wahrheit“ positionierte.

Jesus tritt auf als der Lehrende, der die Frohe Botschaft des angebrochenen Reiches Gottes, die Botschaft von Gottes neuer Welt, verkündet. Er begegnet uns als der Heilende, der Menschen sowohl körperlich gesund macht als auch von Sünde und Schuld befreit. Aber ist er auch ein Mensch des Dialogs? Gewiss, er wendet sich Menschen zu, berührt sie und fragt sie manchmal (nicht immer): „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Aber ist er auch ein Lernender, der seine eigene Position kritisch in Frage zu stellen vermag?

Da es den Evangelisten vorrangig um Verkündigung geht, sind wirkliche Dialoge selten. Wir finden sie vorrangig im Johannesevangelium, etwa im nächtlichen Austausch mit Nikodemus (Joh 3,1-21), im Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4,1-26) oder im Streitgespräch mit den Juden (Joh 10,22-39). Manche Forderung Jesu ist entweder machbare Zumutung oder aber Überforderung. Als ein Mann zu Jesus kommt und ihn fragt, was er Gutes tun muss, um das ewige Leben zu gewinnen, rät er ihm, „weil er ihn liebte“, seinen Besitz zugunsten der Armen zu veräußern und ihm nachzufolgen. Dies bringt der Mann nicht übers Herz und geht traurig weg (vgl. Mk 10,17-22).

Dass Kommunikation nicht immer gelingt, muss auch Jesus schmerzlich erfahren. Als er die Pharisäer fragt, was am Sabbat erlaubt ist, Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten, da schweigen sie. Jesus blickt sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihre verstockten Herzen (vgl. Mk 3,1-6). In seiner Heimat wird er gar ganz abgelehnt (vgl. Mk 6,1-4). Einem Pseudodialog, der nur der Instrumentalisierung dient, verweigert sich Jesus. „Herodes stellte ihm viele Fragen, doch Jesus gab ihm keine Antwort.“ (Lk 23,9)

Botschaft Jesu

Über ein Erstaunen wird in der Begegnung Jesu mit dem römischen Hauptmann berichtet, der um Heilung seines gelähmten Dieners bittet. „Amen, das sage ich euch: Einen solchen Glauben habe ich noch bei niemand gefunden.“ (Mt 8,10)

Häufig sind es gerade die Fremden, die „Heiden“, die sich offen für Jesu Botschaft zeigen. Von den zehn geheilten Aussätzigen kehrt nur einer um, um Jesus zu danken. „Dieser Mann war aus Samarien.“ (Lk 17,16) Es dürfte somit nicht ganz zufällig sein, dass Jesus für sein Beispiel praktizierter Nächstenliebe den barmherziger Samariter auswählt (vgl. Lk 10,25-37), der in jüdischen Augen nicht wirklich rechtgläubig war.

Jesu Zuwendung gilt vor allem den Ausgegrenzten. Zu ihnen zählen Zöllner wie Zachäus: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ (Lk 19,9-10) Die Salbung durch eine Sünderin nimmt Jesus zum Anlass eines Lehrgesprächs mit dem Pharisäer Simon (vgl. Lk 7,36-50).

Mag Jesus sich zunächst seinen jüdischen Glaubensgenossen zugewandt haben, so galt sein Bemühen später auch nichtjüdischen Menschen. Wenn wir in die Evangelien schauen, dann sind es vor allem Frauen, die im Sinne der Herausforderung des Lernens für

Jesus eine Provokation darstellen. Am markantesten ist die namenlose kanaanäische Frau, die Jesus um die Heilung ihrer Tochter bittet (Mt 15,21-28). Doch der fühlt sich nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Als die Syrophönizierin vor ihm niederkniet, setzt er noch eins drauf: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ Die schlag¬fertige Antwort der Heidin erstaunt ihn: „Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“

Ein ungewöhnlicher Rollentausch: Eine Frau, eine Ausländerin, eine Heidin wird zur Lehr-Meisterin. Dies ist eine Lehrstunde des Glaubens durch eine Gläubige einer anderen Religion für den „Lehrer der Wahrheit!“ Denn es geht nicht um irgendeine x-beliebige Frage, es geht um seinen Sendungsauftrag. Sein Selbst- und Weltbild wird erschüttert. Wie verhält es sich denn nun mit dem Heilsplan Gottes, wenn das auserwählte Volk sein Angebot zurückweist und stattdessen die Heiden um Gottes Heil nachsuchen? Ausgerechnet eine kanaanäische Frau ist es also, die ihm mit ihrer Beharrlichkeit seinen Blick weitet und ihm eine neue Offenheit schenkt.

Ein Auftrag für uns heute: Denk und handele nicht zu eng! Tradition, Herkunft und Glaubensformen, all dies ist gewiss wichtig. Letztlich aber sind sie nachrangig dem persönlichen Anruf, den jeder im Herzen spürt. Dies scheint mir ein zentrales Kriterium für Kirche zu sein. Bei allen notwendigen Regelungen und Festlegungen die Offenheit und Weite nicht zu verlieren; den Raum, den Freiraum für Menschen, die suchen und Hilfe erwarten. Ziehen wir die Grenzen nicht zu eng!

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Mission 2019 / 1


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