03.10.2021 Bruder Cornelius Bohl

Nackt, verwundet, am Boden …

Impuls zum Todestag des heiligen Franziskus

Ein starkes Bild: Franz von Assisi stirbt am Abend des 3. Oktober 1221 nackt auf der bloßen Erde. Er hat es so gewollt. Und er ist verletzt. Deutlich sind an seinem Körper die Wundmale Jesu zu erkennen.

Die erste Assoziation, die mir dieses Jahr dazu kommt, mag übertrieben erscheinen. Aber wie das so ist mit Assoziationen, sie sind einfach da. Ungewollt entdecke ich in diesem Bild vieles, was ich augenblicklich in der Kirche erlebe. Die schönen Gewänder und Verkleidungen, in denen wir uns in der Vergangenheit gerne in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt haben, sind uns vom Leib gerissen. Kirche ist tief gefallen, beschädigt, verwundet: sexueller und spiritueller Missbrauch, Vertrauensverlust, Relevanzverlust, massenhafte Kirchenaustritte, implodierende Strukturen, müder Glaube. Eine Kirche ohne volkskirchliche Kostümierungen, verwundet, am Boden …

Eine Krise ist immer auch eine sehr harsche Einladung zur Ehrlichkeit. Wer bin ich, was sind wir als Minderbrüder, was ist die Kirche, wenn nach und nach vieles abfällt, mit dem wir uns so gerne in Schale geworfen haben. Haben und Sein wird gerne gleichgesetzt. Und damit verwechselt. Was „sind“ wir als Kirche, wenn wir plötzlich weniger „haben“ – weniger gesellschaftliche Reputation, weniger Einfluss, weniger Einrichtungen, weniger Geld? Kann ich selbst von mir sagen „Der bin ich!“, auch wenn ich weniger habe als zuvor? Ehrlichkeit meint den Mut, zu sehen und zu sagen: So ist es! Das bin ich! Das sind wir! Wie wäre das, wenn ich mir selbst und wir uns gegenseitig und die Kirche der „Welt“ nichts mehr vormachen würden? Stirbt Franz elendiglich? Ich finde, er stirbt mutig. Mit dieser letzten Performance, öffentlich nackt und verwundet am Boden, sagt er noch einmal deutlich: Das bin ich. Ich will und muss nichts verstecken und verhüllen. Geschrieben hatte er das ja schon einige Zeit zuvor: „Was der Mensch vor Gott ist, das ist er und nicht mehr.“

„Der hat ja gar nichts an!“, ruft das Kind im Grimmschen Märchen von des Kaisers neuen Kleiden. Und dann lachen alle. Als Franziskus stirbt, lacht niemand. Wer ihn nackt am Boden sieht, sieht auch etwas, was er schon länger gespürt hat: Der sieht ja aus wie Jesus! Jesus wenigstens ein bisschen ähnlich werden, das will ich doch auch, wenn mir die Taufe etwas bedeutet. Was steckt wirklich tief in mir drin, wenn ich einmal durchschaue durch alle Aufgaben und Funktionen und Rollen? Was ist der Kern einer christlichen Gemeinde, wenn wir ihn freilegen könnten unter allen Diensten und Strukturen? Bliebe am Ende nur ein schadenfrohes oder auch trauriges Lachen: Der hat ja gar nichts an! Da ist ja gar nichts! Oder würde man etwas von Jesus erkennen? Die Kirche wird in Zukunft sehr viel kleiner und schwächer und ärmer und nackter werden. Leicht wird das nicht. Aber es könnte auch sein, dass wir dadurch, ungewollt, Jesus ein wenig ähnlicher sind.

Die mittelalterlichen Quellen berichten öfter, wie Franziskus seinen Mantel an Arme verschenkt. Zeitlebens hat er seine Kleider hergegeben. Am Ende hat er keine mehr. Er ist nackt. Nackt und verwundet am Boden ist er noch einmal radikal solidarisch mit denen, die nichts haben, denen man alles genommen hat, mit den Verwundeten und Stigmatisierten seiner Zeit, mit denen, die ganz unten sind, am Boden zerstört. Der nackte Franziskus am Boden steht für die arme Kirche und die Kirche der Armen, die der Papst immer wieder einfordert. Dabei geht es nicht nur darum, was ich persönlich habe oder eben nicht habe. Entscheidend ist, ob ich bereit bin, mich zu öffnen für die Menschen, die heute wirklich arm und an Seele und Leib verwundet sind.

Mir gefällt die Idee von der dreifachen Geburt des Franziskus. Jedes Mal ist er nackt. Er ist nackt, als er auf die Welt kommt. Es beginnt nackt ein neues Leben, als er seinem Vater seine Garderobe vor die Füße wirft. Und als er am Abend des 3. Oktober nackt auf der Erde liegt, ist allen klar: Jetzt stirbt er. Dabei wird er für den Himmel geboren. Wir können sein Sterben nur deswegen feiern, weil es um das Leben geht.


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