30.01.2018 Stefan Federbusch ofm

Franziskus von Assisi – Der sanfte Rebell

Buchbesprechung von Bruder Stefan Federbusch

Franziskus von Assisi – Der sanfte Rebell. Franziskusbiografie von Dieter Berg,
erschienen im Verlag Reclam, Philipp, jun. GmbH.

Wer die zahlreich vorhandenen Franziskus-Biografien um eine weitere bereichert, steht unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck, was die Notwendigkeit seines Unternehmens anbelangt. Dieter Berg bezeichnet selbst seine Entscheidung „vielleicht als etwas vermessen“ (10). Der Verfasser beklagt, dass „in letzter Zeit eine große Zahl an erbaulich-hagiografischen Darstellungen vor allem im deutschsprachigen Raum zum Leben des Poverello veröffentlicht wurden, die primär einer vorbehaltlosen Verherrlichung von Franziskus sowie der Verbreitung eines oftmals unkritischen, „romantisierenden“ Heiligenbildes dienten. Hinzu kamen Werke über die Beziehungen des Poverello zu Klara von Assisi, welche diese (in mitunter fast „kitschig“ anmutenden Texten) realitätsfern sogar als mystisches „Liebespaar“ feierten – Darstellungen, die völlig unhistorisch sind und in erster Linie heutige (Wunsch-) Vorstellungen von einer partnerschaftlichen Beziehung der beiden Heiligen bzw. auch der Geschlechter transponieren.“ (8). Der Autor lässt es bei dieser allgemeinen Feststellung bewenden, ohne Ross und Reiter beim Namen zu nennen. Ein Blick ins Autorenverzeichnis hilft nur bedingt weiter. Es fällt zumindest auf, dass der aktuell bekannteste Franziskusforscher des deutschsprachigen Raums, der Kapuziner Niklaus Kuster, in dem Werk weder erwähnt wird noch im Autorenverzeichnis aufgelistet ist.

Dieter Berg möchte als wissenschaftlich arbeitender Historiker an die Traditionen der kritischen historischen Forschung anknüpfen und verfolgt einen „methodischen Neuansatz“, indem Franziskus „primär als historische Figur in ihrem gesamten gesellschaftlichen und kirchlichen Umfeld sowie in ihrem sozio-politischen Zwängen dargestellt“ wird. Dies im Rückgriff auf seine Schriften, „um ihn in dieser Weise „persönlich zu Wort“ kommen und seine Vorstellung von der vita minorum bzw. von der franziskanischen Bewegung (ohne spätere legendarische Verfälschungen) verdeutlichen zu lassen“. Methodisch erfolgt dies in einer Kombination von „biografischem Längsschnitt“ und „problemorientierten Querschnitten“. An diesem Vorhaben zeigt sich die Problematik, dass es nicht das eine objektive Franziskusbild gibt. Richtig ist sicherlich, dass sich die Intention des Anfangs am besten in den Schriften von Franziskus selbst und in den Zeugnissen seiner ersten Gefährten widerspiegelt.

Dieter Berg beschränkt sich zunächst auf eine knappe biografische Skizze von Franziskus (13-18), um dann drei Kontexte seines Lebens und Wirkens zu beschreiben. Diese Kontexte sind die Situation der Kirche und der religiösen Reformbewegungen in Italien (20-25), die politische Kooperation und Konflikte in Italien (25-30) sowie die politischen Strukturen und Rivalitäten in Grafschaft und Stadt Assisi (31-35). Auf dieser Basis wird im 5. Kapitel das Leben von Franziskus unter den Stichworten „Existenz und Charisma“ dargestellt (36-163). Das 6. Kapitel widmet sich der Weiterentwicklung des Ordo Minorum nach dem Tod des Heiligen (164-196). Im 7. Kapitel wird das franziskanische Schrifttum vorgestellt. Ein interessantes 8. Kapitel schließt sich noch an: „Nachleben: Franziskus-Bild in Film und TV“ (234-252). Gerade im Medium Film werden die verschiedenen Franziskus-Bilder im wahrsten Sinne des Wortes anschaulich und lebendig. Der Durchgang durch ein Jahrhundert Filmgeschichte zeigt die verschiedenen Sichtweisen, mit denen der kleine Arme aus Assisi wahrgenommen wurde. Es folgen im Kapitel 9 ein Resümee (253-269) sowie ein Anhang mit Zitatnachweisen und Literaturhinweisen, Abkürzungen, Quellen und Literatur, einer Zeittafel und einem Abbildungsnachweis (273-298). Die 34 Abbildungen in schwarz-weiß illustrieren das Dargelegte. Das Foto auf S. 55 zeigt allerdings nicht den Innenhof des Klosters San Damiano – so die Bildunterschrift –, sondern den Vorhof. Warum für das Cover das zeitlich unpassende Bild „Der heilige Franziskus in Ekstase“ von Franzisco Zurbarán von 1660 mit einem halb angeschnittenen Totenkopf ausgewählt wurde, wird Geheimnis des Verlags bleiben.

Die Art der Darstellung wird dem Anliegen des Verfassers, eine wissenschaftlich fundierte und zugleich sachlich-nüchterne Lebensbeschreibung des Poverello zu liefern, gerecht. Es blieb nach der Lektüre bei mir allerdings die Frage, ob der „methodische Neuansatz“ tatsächlich etwas Neues geliefert hat oder nicht letztlich bei einer Wiederholung dessen verbleibt, was andere Autoren bereits geliefert haben. Nicht zu unterschätzen ist sicher der Hinweis in seinem Resümee, dass Franziskus „fast sein ganzes Leben von Zweifeln und innerer Zerrissenheit gequält wurde“ (268) und somit ein allzu idealisiertes Bild immer wieder mittels der überlieferten Zeugnisse zu korrigieren ist.

Auch stellt sich die Frage, welche Zielgruppe mit dem Werk intendiert ist. Für einen „Neuleser“, der noch keine weiteren Franziskus-Biografien studiert hat, ergeben sich ein paar Stolpersteine. Ein größerer Stolperstein dürfte für den des Latein nicht kundigen Leserkreis die häufige Verwendung der lateinischen Fachbegriffe sein, die im Text kursiv gedruckt, häufig ohne nähere Erläuterung auftauchen: Vita, propositum, fraternitas, ministerium generale, meritum, praepositus, renovatio imperii, imperium, sacerdicium, regnum, Carta pacis usw., um nur die zu nennen, die sich auf den ersten Seiten finden. Der Wandel vom „collis infernus“ (165) zum „collis paradisi“ (167) etwa ist zu schade, nicht verstanden zu werden. Auch wird der Durchschnittsleser eine Reihe Fremdworte nachschlagen müssen, für die eine kurze Erklärung sinnvoll wäre wie beispielsweise „chevaleresk“ (9, 57, 122, 146, 162 = ritterlich im Sinne von anständig, galant, gentlemanlike, vornehm) oder „zelatorisch“ (216). Über das gesamte Werk finden sich zahlreiche Begriffe, die in Anführungszeichen gesetzt sind. Dabei erschließt es sich nicht automatisch, warum dies erfolgt, zumal es sich um höchst unterschiedliche Kategorien handelt. Ein willkürliches Beispiel von den Seiten 254-255: „in göttlichem Auftrage“, „Bekehrung“, „gelebte Überzeugung“, „Propaganda“, „umstürzlerische“, „Sozialutopien“, „kleinräumig“, „von unten“. In Teilen scheint es sich um Positionen und Wertungen von außen zu handeln, die der Autor aufgreift, um Zitate und Rückgriffe auf andere Autoren, die aber nicht namentlich belegt werden.

Auf ein äußerst komplexes Gebiet wird die / der Lesende im Kapitel 7 gelockt, das m.E. eine gewisse Grundkenntnis der franziskanischen Quellenschriften voraussetzt, um dem Autor folgen zu können. Hinter den Ausführungen steckt die berühmte von Paul Sabatier 1894 aufgeworfene „Franziskanische Frage“ nach den gegenseitigen Abhängigkeiten der diversen Quellen und nach den Intentionen, die die Autoren mit deren Erstellung verfolgten. Es geht um die „Deutungshoheit“ der franziskanischen Geschichte und die Legitimation der „wahren“ Lebensgeschichte des hl. Franziskus (vgl. 198). Dieter Berg verweist darauf, dass die ordensinternen Kämpfe der rivalisierenden Gruppen mit dem Instrument der „Historiographie“ ausgetragen wurden. Unter Instrumentalisierung von Geschichte waren sowohl die „regeltreuen“ wie die „reformwilligen“ Brüder bestrebt, ihre Sichtweise der Lebensform „durch den historischen Rekurs auf den Gründer sowie die ersten Brüder zu legitimieren“ (206).

Das franziskanische Schrifttum spiegelt somit das wider, was in Kapitel 6 beschrieben wurde: die Zeit nach Franziskus. Während über seine Vita und seine Intention weitgehend Einigkeit bestehen dürfte (einmal abgesehen von dem Punkt, aus welcher modernen Sicht er für bestimmte Zwecke instrumentalisiert wird als „Sozialreformer“, „Ökofreak“ o.ä.), streiten sich bis heute die Gelehrten, ob die Kirche das franziskanische Charisma durch Vereinnahmung gerettet oder zerstört hat. Während die einen den Papst, die Kurie und den Generalminister Elias von Cortona als die „Totengräber des hl. Franziskus“ (Helmut Feld) halten, plädiert Dieter Berg für eine positive Sichtweise. Die Entwicklung der Franziskanergemeinschaft zu einem Seelsorgeorden und die damit verbundenen Entscheidungen (notwendiges Studium, Studienhäuser, Abkehr von der absoluten Armut usw.) seien unumgänglich gewesen. Der Autor verweist auf die „Gnade der späten Geburt“, dass Franziskus auf reformbereite Kirchenvertreter wie Papst Innozenz III. traf. Nur mit Hilfe des zeitgenössischen Papsttums sowie weitreichender Kurialer (wie Hugolin von Ostia) habe Franziskus seine vita konzipieren und realisieren können (vgl. 105 und 261). Nur mit ihrer Hilfe sei die Expansion des Ordo Minorum gelungen. Franziskus habe die Strukturimmanenten Probleme ignoriert, indem er auch bei einer immer größer werdenden Brüderzahl und aktiven Förderung der Mission an einer „kleinräumigen“ Lebensweise festhielt. „Letztlich waren es Kuriale wie Hugolin sowie zahlreiche gebildete Brüder, welche die konzeptionsimmanenten Probleme der fraternitas erkannten und den Poverello drängten, auf diese zu reagieren… Zu Recht war Hugolin überzeugt, dass ein Überleben der franziskanischen Gemeinschaft nur nach deren Akkomodation an bestehende Kirchenstrukturen gesichert werden konnte. Die hiermit verbundene engere Anbindung an die Kurie bzw. das Papsttum war hierbei eine – auch von Franziskus akzeptierte – notwendige Folgeerscheinung“ (262, zur Bewertung von Elias von Cortona vgl. 172- 181). Mit Blick auf die Erlaubnis an Antonius, den Brüdern die Theologie zu lehren, konstatiert der Autor: „Franziskus scheint diese Veränderungen in seiner Gemeinschaft zur Kenntnis genommen und – wenn auch widerwillig – akzeptiert zu haben“ (265). Im Gegensatz dazu verharrten viele Brüder in einer „nostalgischen Haltung“, die sich der Einsicht in Gesellschaftliche Zwänge widersetzte und einer Anpassung an die Veränderungen, um „auch weiterhin erfolgreiche Seelsorge unter – anspruchsvoller gewordenen – Gläubigen zu leisten“ (265).

Der Preis einer Integration in bestehende Kirchenstrukturen und die Transformation in einen Seelsorgeorden war jedoch hoch. Er bestand u.a. in einer zunehmenden Klerikalisierung des Ordens und der Zurückdrängung des Laienelements. Ob er zu hoch war, ist zu diskutieren. Dieter Berg sieht jedenfalls „zentrale Postulate des Poverello zumindest ansatzweise gewahrt“ (266). Zudem wurde durch die Integration des Ordens „(zumindest implizit) eine Reform der Kirche veranlasst, welche dauerhafte Wirksamkeit entfaltete und zugleich eine Krise des Papsttums – etwa infolge anhaltender Kritik aus Kreisen der Laienbewegung – abwendete. Insofern wird man die Auswirkungen franziskanischer Aktivitäten auf Kirche und Gesellschaft im gesamten Abendland seit dem hohen Mittelalter kaum überschätzen können“ (267).

Wie dargestellt, eignet sich das besprochene Werk weniger als Einstiegsliteratur für Interessierte an der Person des Franziskus, da es bestimmtes Hintergrundwissen voraussetzt. Zumindest ist es hilfreich für die Lektüre. Der spannende Teil beginnt für bereits kundige Lesende da, wo andere Biografien enden: mit dem Tod des Heiligen bzw. mit dem, was nach seinem Tod passiert. In den Kapiteln 6 und 7 finden sich sowohl eine fundierte Darstellung der historischen Ereignisse sowie der vorliegenden Quellen, als auch eine Spiegelung der bis heute höchst umstrittenen Deutung der Ereignisse. Der Kampf um die Deutungshoheit fand nicht nur im 13 und 14. Jh. innerhalb der Bruderschaft (des Franziskanerordens) statt; er besteht bis ins 21. Jh. innerhalb der Wissenschaft fort. Ging es vor 700-800 Jahren um die rechte und authentische Lebensform nach dem Beispiel des hl. Franziskus, so heute um die Spannung von Charisma und Institution. Hat die Institution (Kirche) das (franziskanische) Charisma zerstört oder hat sie es durch ihre Intervention gerettet und bewahrt? Hat das
Charisma gar zur Reform der Kirche beitragen können? Eine Frage, die stets aktuell bleibt …


Zum Autor

Dieter Berg war bis 2009 Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Hannover. Bis Ende 2006 war er Direktor des Instituts für franziskanische Geschichte in Münster. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kirchen- und Ordensgeschichte; Publikationen u. A. über Richard Löwenherz, Heinrich VIII. und das Haus Tudor.

Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 298 Seiten
  • Verlag: Reclam, Philipp, jun. GmbH
  • ISBN-10: 3150111463
  • ISBN-13: 978-3150111468
  • Preis: 24.- Euro

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