Bruder Natanael Ganter

Als Franziskus in Schweigen fiel

Meditationshaus Dietfurt: Zen im Franziskanerkloster

Wie eine Statue steht Bruder Samuel breitbeinig und mit zum Himmel erhobenen Händen unter den Obstbäumen im Klostergarten in Dietfurt. Er scheint das Firmament über dem Franziskanerkloster im Altmühltal stützen zu wollen. Es ist ein frischer Morgen, kurz vor Sonnenaufgang. Samuel wird nur von zwei neugierigen Enten aus sicherer Entfernung beobachtet. Sein Atem geht ruhig und konzentriert. Plötzlich bewegt er sich wie in Zeitlupe. Er geht mit geradem Rücken in die Hocke und bewegt langsam und fließend seine Arme, als würde er unsichtbar Pfeil und Bogen spannen. Jede einzelne Muskelbewegung wirkt überlegt und bedacht. Langsam lässt er den Bogen aus Luft wieder verschwinden und bewegt seine Hände wellenförmig zur Leibmitte und verharrt. Nachdem von dem Wesen offensichtlich keine Gefahr ausgeht, kuscheln die Enten ihren Kopf wieder ins Gefieder und dösen zufrieden weiter.

Samuel beginnt seinen Tag mit Qigong, einer Jahrtausende alten asiatischen Leibübung. Dabei geht es um die aufmerksame Wahrnehmung der eigenen Person und der sie jeweils umgebenden Umwelt – und nicht etwa um chinesischen Hokuspokus. Aber halt – genaugenommen ist es doch chinesischer Hokuspokus: Denn die Ursprünge in der asiatischen Tradition sind bildlich überliefert in alten Seidenmalereien aus der chinesischen Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.). Und das Wort „Hokuspokus“ hat seine eigene Geschichte: Es steht als Synonym für Zauberei. Denn während in der alten lateinischen Messe der katholische Priester die Wandlungsworte „hoc est corpus meum“ murmelte („Dies ist mein Leib …“), und der in Latein ungebildete Christ nur „Hokuspokus“ verstand, verwandelte der Priester in diesem Ritual ein einfaches Brot auf wundersame Weise in Christi Leib. Wenn wir Qigong und Zen also für chinesischen Hokuspokus halten, dann meinen wir damit wundersame asiatische Rituale, die wir nicht begreifen.

 

Ziel beim Zen ist es, still zu werden, leer zu werden; die Gedanken abzulegen und der Gegenständlichkeit zu entkommen, um in der Höhle des Herzens mit der letzten Wirklichkeit alleine zu sein, jenseits aller Begriffe und Worte.
Ziel beim Zen ist es, still zu werden, leer zu werden; die Gedanken abzulegen und der Gegenständlichkeit zu entkommen, um in der Höhle des Herzens mit der letzten Wirklichkeit alleine zu sein, jenseits aller Begriffe und Worte.

Nur sitzen und schweigen

Neben Angeboten wie Qigong, Tai-Chi Ch’uan, Ikebana und Sakraler Tanz ist es vor allem die Zen-Meditation, die Menschen in Scharen nach Dietfurt lockt. Das fremd Anmutende am Zen ist, dass Personen in weiten, weichen, meist dunklen Kleidern im Fersensitz auf dem Boden hocken und gegen die Wand schauen. 25 Minuten verharren Sie regungslos nebeneinander im Schweigen, um dann, auf ein Zeichen hin, langsam aufzustehen und bedächtig wie in Zeitlupe durch den Raum zu schreiten, nur um sich kurze Zeit später wieder zu setzen und das Ganze von vorne zu beginnen. Im Einführungskurs Zen gibt es sechs bis acht Meditationszeiten pro Tag, im Fortgeschrittenenkurs Seshin sind es 14 und mehr reine Meditationszeiten. Der Kurs dauert eine Woche. Während der ganzen Zeit, auch außerhalb der Meditation, herrschen strenges Schweigen, und die Meditierenden ernähren sich von leichter, vegetarischer Kost.

Ziel beim Zen ist es, still zu werden, leer zu werden; die Gedanken abzulegen und der Gegenständlichkeit zu entkommen, um in der Höhle des Herzens mit der letzten Wirklichkeit alleine zu sein, jenseits aller Begriffe und Worte. Nichtgläubige nennen es das Nichts, für Christen ist dies eine Erfahrung mit Gott. Eine Woche schweigen, nichts reden, keine Unterhaltung, keine Zeitung, kein Radio – das erscheint uns kommunikationshungrigen Menschen schier unmöglich. Stundenlang still sitzen und versuchen, dabei an nichts als die eigene Atmung zu denken, könnte Außenstehenden als Unsinn erscheinen. Wer sich jedoch auf diese Meditation einlässt, wird mit einem unermesslichen Erlebnis beschenkt. Schwester Paula, eine Ordensfrau, die seit Jahren regelmäßig Zenübungen betreibt, erzählt: „Ich war wie ein volles Gefäß. Ich habe der Predigt in der Messe gelauscht, konnte aber nichts mehr aufnehmen. Die Worte blieben für mich nur Worte. Durch Zen habe ich das Gefäß geleert, und plötzlich erschloss sich mir im Wort Gottes wieder eine Tiefe und eine Klarheit, wie ich sie seit Langem vermisst hatte.“

 

Dietfurt im Altmühltal (Bayern). Das Franziskanerkloster ist auf dem Foto vorne rechts. Bild von Othmar Franthal
Dietfurt im Altmühltal (Bayern). Das Franziskanerkloster ist auf dem Foto vorne rechts. Bild von Othmar Franthal

Wie lernt man beten?

Zen ist kein Gebet. Zen an sich ist gegenstandslos, nicht an Religion gebunden. Besonders für junge Menschen, die keine religiöse Erfahrung haben, und deren Lebenswelt aus Konsum, materieller Befriedigung, Reizüberflutung und Wellness besteht, ist diese Selbsterfahrung eine Erweckung, die kaum in Worte zu fassen ist. Zen ist aber auch eine Schule des Buddhismus, und so vermutet wohl mancher argwöhnisch, ob man dabei nicht vom christlichen Glauben abfalle und beginne, sein Heil in der Selbsterlösung zu suchen. Erlösung statt Auferstehung, Wiedergeburt statt Ewiges Leben – birgt das nicht die Gefahr, dass wir unsere Weltanschauung verwässern und uns einen individuellen Patchwork-Glauben zurechtlegen?

Samuel ist katholischer Priester und lacht amüsiert, wenn die Leute ihn ansprechen, was er da für heidnische Sachen mache. Betet er nicht im Zen zu fremden Göttern? Beschwört er im Qigong nicht Naturgeister? Samuel sieht die Vorurteile und das Unverständnis der Menschen jedoch nicht als persönliche Kritik. Vielmehr ist die Skepsis für ihn Einladung, über Gott und den Glauben, über Kirche, Rituale und Gebetspraktiken ins Gespräch zu kommen: „Die wichtigste Aufgabe der Kirche sollte es sein, den Menschen das Betenzu lehren, Gott erfahrbar zu machen“, sagt der Franziskaner.

Doch was überhaupt ist „beten“? Auf was kommt es dabei eigentlich an? Zuerst sollte man wohl still dasitzen. Dann eine fromme Haltung einnehmen und dabei möglichst andächtig wirken. Händefalten ist gut, knien noch besser. Es ist sicher richtig, dem lieben Gott einige Psalmenlieder vorzutragen. Natürlich gehört es dazu, in der Sonntagspredigt konzentriert zuzuhören, um möglichst viel zu verstehen, oder besser noch zu kapieren. Auch Kerzenstimmung und Orgelmusikkönnen behilflich sein.

Doch war es das schon? Reichen das Einstudieren von rituellen Abläufen und Texten und das geistige, rationale Verstehen schon aus, um unsere spirituelle Sehnsucht zu stillen? Wer lehrt uns beten?

Christliche Mystiker

Im 16. Jahrhundert schrieb der Franziskaner Francisco de Osuna seine mystischen Gebetserfahrungen in einem Buch auf und veröffentlichte so die damals wiederentdeckte Tradition der kontemplativen Erfahrung der Franziskaner: „Wir müssen zwei Dinge tun: Erstens, den Verstand beruhigen, zweitens ihn zum Schweigen bringen.“ Sein Buch Tercer Abecedario Espiritual stieß bei Ordensleuten seiner Zeit auf reges Interesse. Die Heilige Theresa von Avila nannte es ihren Meister der Seelenführung. Einer Seelenführung, die es nicht dabei belässt, von Gott zu wissen und sein Wirken mit dem Verstand begreifen zu wollen, sondern die danach trachtet, Gott zu schauen.

Dieses bei den kontemplativen katholischen Orden bekannte Tiefengebet beschreibt eine Versenkung des Menschen in das Gebet. Es ist so alt wie das Christentum selbst. Die mystische Erfahrung Gottes gehört zum Gebetsschatz der alten Kirchenväter seit dem Apostel Johannes und zieht sich über Augustinus und Bernhard von Clairvaux bis zu Franz von Assisi, von Hildegard von Bingen und Meister Eckhart bis zu Martin Luther, von Ignatius von Loyola über Johannes vom Kreuz bis in die Gegenwart. Kontemplation, Meditation und die Anschauung Gottes sind elementarer Bestandteil des christlichen Gebets! Das ist nichts Neues, sondern guter Boden. Allen Betern ist dabei eine Erfahrung gemeinsam: Wenn die inhaltlich rationale Betrachtung ausgekostet ist, erfolgt der Übergang in die Übergegenständlichkeit.

So können wir uns auch Franziskus vorstellen, wie er sich immer wieder für Wochen in die Einsamkeit und Stille der umbrischen Landschaft zurückzog, um zu beten, zu singen, Psalme zu lesen und dabei immer stiller zu werden; seinen Gedanken nachzuhängen, der Natur zu lauschen, und seine Sinne auf Gott zu richten … bis sein Verstand in Schweigen fiel.

 

Samuel Heimler war von 1988 bis 2016 Mitglied des Franziskanerordens und hat vor allem im Meditationskloster in Dietfurt wichtige Impulse gesetzt.
Samuel Heimler war von 1988 bis 2016 Mitglied des Franziskanerordens und hat vor allem im Meditationskloster in Dietfurt wichtige Impulse gesetzt.

Außerordentliche Seelsorge

Die Franziskaner fühlen sich seit ihrer Gründung der außerordentlichen Seelsorge verpflichtet. Sie bieten Menschen einen Zugang zu Gott und dem Evangelium, den diese in der „normalen“ Amtskirche nicht finden. Denn auch im 12. Jahrhundert suchten die Menschen einen neuen Lebensstil und lehnten sich auf gegen etablierte Formen der Frömmigkeit. Franziskus bot ihnen einen Weg, denn er verstand es, den neuen Lebensstil zu verwirklichen und gleichzeitig die alten Werte zu bewahren. Viele Menschen hatten – und haben – keinen Zugang mehr zu den Fragen und Antworten der Katholischen Kirche.

Als Anfang der 1970er Jahre, in der Ära der Flowerpower und der Hippies, fernöstliche Meditation in Mode kam und sinnsuchende Menschen sich scharenweise dem Buddhismus und dubiosen Gurus zuwandten, fragten sich die bayerischen Franziskaner, wie sie diesem Zeitgeist begegnen könnten. Auch christliche Priester, wie der Franziskaner Victor Löw und der Jesuit Hugo Lasalle, waren angetan von den „neuen“ Gebetsformen aus Asien. Sie entdeckten darin eine „Wiedergeburt“ der mystischen Erfahrungen. So entstand die Idee, meditationshungrigen Menschen innerhalb der katholischen Kirche einen Platz anzubieten. Ermutigt vom „Zweiten Vatikanischen Konzil“ stellten Victor und einige Mitbrüder bei der Provinzleitung den Antrag, ein Kloster für diese Zwecke umzubauen. In dem Konzilsdokument heißt es nämlich: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen (östlichen) Religionen wahr und heilig ist. […] Deshalb mahnt sie ihre Söhne, dass sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen, sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern.“ (Aus der Erklärung über das Ver- hältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen vom 25. Oktober 1965).

Anfangs waren die Brüder in der Provinz skeptisch. „Müssen wir denn wirklich auf jeder Welle mitreiten?“, fragten sie sich. Fremdartige Begriffe wie Zen, Qigong oder Seshin wirkten abschreckend. Viele konnten mit Meditation nichts anfangen, hielten sie für ein nutzloses Hobby von Menschen,die nichts Anständiges zu tun hätten, außer sinnlos herumzusitzen. Manche argwöhnten, dass Buddhismus und Heidentum Einzug halten würden in die Klöster. Doch die Chancen wogen schwerer als die Bedenken, und so eröffneten die Franziskaner im Winter 1977 in Dietfurt, auf dem bayerischen Land, das erste franziskanische Meditationskloster. Im Herzen des katholischen Klosters wurde eine Zen-Halle gebaut, das Gebäude für ausreichende Übernachtungsmöglichkeiten der Kursteilnehmer erweitert. Die Eröffnung des Meditationshauses nahm in Anwesenheit des Franziskanerprovinzials und des Abtes von Kloster Weltenburg kein Geringerer vor als der damalige Bischof von Eichstätt, Dr. Alois Brems, der den Wert der außerordentlichen Seelsorge für die Diözese erkannt hatte und hoch einschätzte. Das Haus nannte er einen Segen für das Volk. Das Angebot schlug ein wie eine Bombe. Seit 34 Jahren sind die Kurse ausgebucht. Die Franziskaner bieten 48 Wochenkurse für mehr als 2.000 Kursteilnehmer pro Jahr an. Die Besucher sind im Schnitt 30–50 Jahre alt, aber auch ältere Menschen bis 80 nehmen das Angebot regelmäßig wahr. Als Kloster arbeitet das Meditationshaus nicht gewinnorientiert, trägt sich aber durch die Arbeit selbst und bedarf keiner Zuschüsse. Heute hat das Meditationshaus Dietfurt einen festen Platz im Portfolio der Deutschen Franziskaner und erfährt große Unterstützung und Dankbarkeit von den Bischöfen.

Von Anfang an haben die Franziskaner einen hohen Standard gesetzt, was die Kursleiter anbelangt. Einige Kurse leiten sie selbst an, aber vor allem wurden hochkarätige Leiter und Zen-Meister von internationalem Ruf engagiert, die regelmäßig nach Dietfurt kommen. Frühzeitige Anmeldung ist wichtig, wenn man einen der begehrten Plätze haben möchte. Auch Samuel begleitet diese Woche wieder eine Zen-Anfängergruppe. Nach seinen persönlichen Qigong-Übungen wartet er noch geduldig eine halbe Stunde am Klosterweiher. Er schaut den beiden Enten zu, die ihr morgendliches Bad abhalten, dann legt er sich seine Priesterstola um. Es steht ein Freiluftgottesdienst auf dem Programm, an dem viele Besucher gerne teilnehmen. Im Einklang mit der Natur singen, beten, den Herrn loben, und danach wieder schweigen – eine besonders segensreiche Mischung im Meditationshaus Dietfurt.

Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Franziskaner, Sommer 2011


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