Bruder Cornelius Bohl

Das Schweigen

Die Stille, still sein

Schweigen_A8Es kann schon mal passieren, dass am Schluss eines Konzerts für einen Augenblick völlige Stille herrscht. Keiner klatscht, keiner springt auf, keiner räuspert sich. Ein solch gesammeltes und gefülltes Schweigen ist mehr als die Abwesenheit von Geräuschen. Es ist der Raum einer tiefen inneren Erfahrung: Jemand ist berührt und ergriffen. Er schweigt, weil mit ihm etwas geschehen ist, was ihm die Sprache verschlägt.

Schweigen ist immer noch ein Tun: Ich halte den Mund,. Stille meint einen Zustand: Es ist still um mich herum. In mir wird es ganz still. Diese innere Stille kann ich nicht machen, sie wird mir gewährt. Sie ist darum in sich immer schon eine religiöse Erfahrung: Ich empfange Ruhe und Frieden dankbar als ein Geschenk. In geschenkter Stille berührt das Ewige.

Wir bezeichnen das Gebet gerne als ein Reden mit Gott. Aber das ist nicht alles. „Als mein Gebet immer innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger zu sagen“, schreibt Sören Kirkegard. „Zuletzt wurde ich ganz still. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht sich selbst reden hören, beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.“
Zu den Ausdrucksformen religiöser Erfahrung gehören darum nicht nur das vertrauensvolle Wort, der selbstvergessene Jubel oder der leidenschaftliche Schrei, sondern auch das „heilige Schweigen“ Es ist ein wesentliches Element des persönlichen Betens wie der gemeinschaftlichen Liturgie. Mehr noch als ein gemeinsames Lied kann ein gemeinsames Schweigen verbinden. Es bewahrt vor dem „Plappern der Heiden“ (vgl. Mt 6,7). Die Stille unserer Kirchenräume ist ein kostbarer Luxus im Lärm einer Stadt.

Schweigen und Sprechen bedingen einander. „Das Wort ist nur dann wesenhaft und mächtig, wenn es aus dem Schweigen kommt“ (Romano Guardini). Wer reden will, muss schweigen lernen. Und nur in der Stille kann das Wort gehört werden. „Als tiefes Schweigen das All umfing, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel herab“ (Weish 18,14).

Wer schon einmal Exerzitien im Schweigen gemacht hat, weiß, wie schwer und wie schön das ist. Schweigen ist schwer. Wenn es außen still wird, wird es innen laut. Die Wüstenväter haben in der Stille der Einsamkeit mit den Dämonen in ihrem Inneren gekämpft. Darum muss man das Schweigen geduldig üben. „Es liegt im Stillesein eine wunderbare Macht der Klärung, der Reinigung, der Sammlung auf das Wesentliche“ (Dietrich Bonhoeffer).

Und Schweigen ist schön. Vor der Wirklichkeit Gottes versagen unsere armseligen Worte. Wir verstummen vor dem Geheimnis. Es ist wie bei Menschen, die sich lieben: Sie müssen nicht miteinander reden. Sie können sich einfach still aneinander freuen.

Erstveröffentlichung Zeitschrift, „Franziskaner“ Frühjahr 2016


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