Bruder Heribert Arens

Gerechtigkeit statt Almosen

Barmherzigkeit kann Folgen von Ungerechtigkeit lindern, aber sie darf nicht an die Stelle von Gerechtigkeit treten.

Im Jahr 2007 veröffentlichte die Deutsche Bundespost eine Sondermarke zur Ehren der heiligen Elisabeth
Im Jahr 2007 veröffentlichte die Deutsche Bundespost eine Sondermarke zur Ehren der heiligen Elisabeth

Die heilige Elisabeth von Thüringen, Patronin der deutschen Franziskanerprovinz, ist eine der herausragenden Gestalten, wenn es um das Thema „Barmherzigkeit“ geht. Am bekanntesten sind in dem Zusammenhang Legenden aus ihrem Leben, die von ihrer Sorge für die Armen erzählen.

Sie ist aber mehr als nur eine Schwester der Armen. Sie hat einen ausgeprägten Sinn für das Thema „Gerechtigkeit“. Eine Welt der Gerechtigkeit ist auch eine barmherzige Welt. Barmherzigkeit kann Folgen von Ungerechtigkeit lindern, aber sie darf nicht an die Stelle von Gerechtigkeit treten. Elisabeths Gespür für Gerechtigkeit wird in der folgenden Legende anschaulich. Sie ist auf dem Hintergrund zu sehen, dass die Landesherren ihren Untergebenen zu Unrecht Abgaben abforderten, mit denen sie selbst sich ein gutes Leben machten, während die Menschen Hunger litten:

Einmal bat Elisabeth ihren Gemahl: „Mein Bruder, bitte gestatte mir und – meinen Kammerfrauen, dass wir all jene Speisen und Getränke auf unserer Tafel, die geraubt oder armen Leuten als Fron abgezogen worden sind, nicht mehr zu uns nehmen müssen.“ Ohne zu zögern erlaubte ihr Ludwig dies und versprach, den Verwaltern die notwendigen Befehle zu geben. „Ich selbst würde mich ebenfalls gern des geraubten Gutes enthalten, wenn ich nicht fürchten müsste, unter dem Hofstaat Ärger und böse Nachrede zu erregen“, erklärte er ihr im Vertrauen. „Doch will auch ich, wenn Gott es mir bescheidet und mich leben lässt, mein Leben bald anders einrichten.“

An ihren Vorsatz, keinen Gebrauch mehr von fragwürdigen Einkünften des Landgrafen zu machen, hielt sich Elisabeth von nun an streng. Nie berührte sie etwas, das von ungerechten Steuern und Fronabgaben herrühren konnte. Wenn etwas aufgetragen wurde, an dem sie Zweifel hatte, gab sie anfangs nur vor zu essen, um Ludwig vor den ändern Rittern und Geistlichen nicht bloßzustellen.

Drei ihrer Kammerfrauen hatte Elisabeth davon überzeugt, ihrem Beispiel zu folgen. Sie versuchte, sich und ihr Gefolge von den Geldern, die ihr als Mitgift zugewiesen worden waren, ehrlich zu ernähren. Doch oft genug hatten sie nur Brot oder ein paar trockene Honigkuchen zu essen. Die Herrin war damit zufrieden, ihre Frauen jedoch murrten oft, wenn sie Hunger litten. Dies bekümmerte Elisabeth sehr, und sie hoffte jeden Tag, ihre Dienerinnen mit gutem Gewissen ernähren zu können. Wenn sie von den Verwaltern erfuhr, dass zumindest die Speisen untadelig waren, sagte sie zu ihnen: Heute dürft ihr nur essen!“ War nur der Trunk in Ordnung, hieß es: „Heute dürft ihr nur trinken!“ Aber wenn dann der Tag kam, an dem beides genug vorhanden war, so klatschte sie in die Hände und rief fröhlich: „Freut euch, Gott hat uns nicht vergessen! Heute dürfen wir essen und trinken.“

Das Gerechtigkeitsempfinden dieser Frau ist erstaunlich

Durch das damals herrschende Lehnswesen mussten die Bauern einen Großteil ihrer Ernte an den Lehnsherrn bzw. den Landesfürsten abliefern, so dass ihnen häufig nicht genug zur eigenen Ernährung verblieb. Darum weigert sich Elisabeth, Speisen aus ungerechten Verhältnissen zu essen.

Ein Vergleich mit dem heutigen Wirtschaftssystem liegt auf der Hand: Elisabeth würde sich weigern, Produkte zu kaufen, die aus ausbeuterischen Produktionsverhältnissen stammen und sie würde den fairen Handel unterstützen.

In diesem Sinne hat Elisabeth bereits damals „politisch“ gehandelt. Sie hat sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für gerechte Lebensbedingungen aller Menschen eingesetzt. Sie hat das praktiziert, was wir mit modernen Begriffen die Verbindung von „Mystik und Politik“ nennen.

Ihr gesellschaftliches Engagement speist sich aus dem Glauben und ihr Glaube empfängt umgekehrt Impulse aus den konkreten Erfahrungen mit den Menschen.

Zu einer franziskanischen Spiritualität (Elisabeth stand trotz räumlicher Entfernung dem heiligen Franziskus sehr nah!) gehört der Einsatz für Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung unabdingbar dazu.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.