20.12.2019

Geschöpfe: Mensch und Tier – Ein schwieriges Verhältnis

Die Zeitschrift der Franziskaner - Winter 2019

Titel der Zeitschrift Franziskaner, Winter 2019
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Im Leben von Heiligen wimmelt es nur so von Tieren: Den Einsiedler Ägidius versorgt eine Hirschkuh mit Milch, Franz von Assisi zähmt den Wolf und predigt den Vögeln, Antonius den Fischen, und noch im 19. Jahrhundert lebt Seraphim von Sarow in den russischen Wäldern friedlich mit einem Bären. Solche Legenden vermitteln die tiefe Verbundenheit aller Geschöpfe. Der mit Gott und sich versöhnte Mensch steht im Einklang mit allem Sein. In ihm lebt etwas von der paradiesischen Harmonie des Anfangs. Zugleich nimmt er jetzt schon etwas vorweg von der umfassenden Solidarität alles Lebendigen, die als fernes Hoffnungsziel jenseits der Geschichte durch die gesamte Geschichte hindurch lockt: „Dann findet der Wolf Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, Kuh und Bärin freunden sich an“, so heißt es im Buch des Propheten Jesaja.

Die Wirklichkeit ist brutal anders. In der Natur gilt rücksichtslos das Gesetz des Stärkeren. Auch das Tierreich ist bestimmt von einem erbarmungslosen Fressen und Gefressenwerden. Der Mensch hat das noch getoppt. Industrielle Massentierhaltung und Fließbandschlachtungen machen ein lebendiges Wesen zum Fabrikprodukt. Tiere werden wie Abfall behandelt, wenn in Deutschland jährlich etwa 50 Millionen männliche Küken sofort nach dem Schlüpfen geschreddert werden. Genveränderte Tiere wachsen schneller, sind resistenter gegen Krankheiten, machen die Landwirtschaft effizienter – und den Menschen krank.

Spätestens hier wird deutlich: Die Frage nach der Würde des Tiers ist die Frage nach der Würde des Menschen. Wo das Tier nur nach seinem ökonomischen Nutzen bewertet wird, muss auch der Mensch sich rechnen. Wo Tiere auf dem Müll landen, werden auch Menschen wie Abfall entsorgt.

Kriegt ein Hund im Himmel Flügel? Ich weiß es nicht. Sicher aber ist, dass wir Menschen und unsere Welt nur in einer umfassenden Solidarität aller Geschöpfe Zukunft haben. Der Sonnengesang des Franz von Assisi ist mehr als Poesie, seine Vision einer radikalen Geschwisterlichkeit ist hochpolitisch und persönlich herausfordernd. Vogelpredigt umgekehrt: Damals hat Franziskus den Vögeln gepredigt. Heute rufen die Tiere uns zur Umkehr. Dass der Tierschutz seit 2002 im Grundgesetz verankert ist, nutzt wenig, solange wir unseren Lebensstil nicht ändern. Der Einsatz für die Würde des Tieres rettet die Würde des Menschen.

Weitere Themen

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  • 50 Jahre Missionszentrale der Franziskaner
  • Kunst und Kultur,Porträt von Bruder Gabriel Gnägy
  • Amazonassynode, Interview mit Franziskanerbischof Johannes Bahlmann
  • Haltung und Handlung: Barmherzigkeit

 

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