02.03.2020 Juliane Kaelberlah

KIRCHE positHIV beendet Arbeit nach 26 Jahren

Dank- und Abschiedsgottesdienst für die ökumenische Aids-Initiative

Bruder Markus Fuhrmann bringt Grußworte der Franziskaner, die die Initiative viele Jahre mitgetragen haben.

Im Jahr 1993 lag in der Charlottenburger Kirche Am Lietzensee erstmals ein Aids-Gedenkbuch aus: Als Erinnerung an Menschen, die an den Folgen der Immunschwächekrankheit verstorben waren, war es die erste Aktion der Berliner Aids-Initiative KIRCHE positHIV. Die bundesweit einmalige ökumenische Organisation reagierte mit ihrer Gründung auf die Aids-Pandemie. Mit Angeboten wie monatlichen Gottesdiensten, gemeinsamen Aktivitäten und umfangreicher Beratung bauten die evangelische Pfarrerin Dorothea Strauß und der katholische Franziskaner Norbert Plogmann die Initiative auf. Im Laufe der Jahre entwickelte sie sich zu einem der wichtigsten kirchlichen Orte für mit dem HI-Virus Infizierte, ihre Angehörigen und Freunde in Deutschland. Nach 26 Jahren verabschiedete sich KIRCHE positHIV nun am 1. März 2020 mit einem Gottesdienst dort, wo alles begann: in der Kirche Am Lietzensee. Die Abschiedspredigt sprach Pröpstin Dr. Christina-Maria Bammel.

Geprägt von der Erfahrung, wie HIV-positive und an Aids erkrankte Menschen auch in Kirchen ausgegrenzt wurden, verstand KIRCHE positHIV die Krankheit als Herausforderung für das Verhalten und die Haltung der Kirche. Statt „Aids haben immer die anderen“ hieß es nun: „Die Kirche hat Aids“ und ist deshalb KIRCHE positHIV. Das Aids-Gedenkbuch war Ausdruck eines Vermächtnisses verstorbener kirchlicher Freunde: HIV und Aids sollten als Wirklichkeit auch innerhalb der Kirche sichtbar werden. Dorothea Strauß und Bruder Norbert Plogmann begleiteten kranke und sterbende Menschen, führten Seelsorgegespräche, feierten regelmäßig Gottesdienste, organisierten spirituelle Reisen, Ausflüge und andere Aktivitäten. Immer wieder rief KIRCHE positHIV Kirchen und Gemeinden dazu auf, HIV-Infizierte nicht auszugrenzen. Statt sie als Objekte einer Barmherzigkeit von oben herab zu behandeln, sollte ihnen auf Augenhöhe begegnet werden. In den 26 Jahren wirkten nach P. Norbert Plogmann mehrere Franziskaner als Seelsorger an der Seite von Pfarrerin Dorothea Strauß, zuletzt Bruder Gregor Wagner, der dem Abschiedsgottesdienst auch mit Pfarrerin Strauß zusammen vorstand.

Pfarrerin Dorothea Strauß bedankt sich beim Männerchor RosaCavaliere für ihr Mitwirken. Bilder von Juliane Kaelberlah

Zahllose Ehrenamtliche – darunter viele, die selbst an Aids erkrankt waren – unterstützten die mehrfach ausgezeichnete Initiative. Die Schirmherrschaft für das Projekt übernahm zunächst die ehemalige Berliner Senatorin Dr. Hanna-Renate Laurien, später Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse. Im Jahr 2000 erhielt Pfarrerin Dorothea Strauß für ihren Einsatz das Bundesverdienstkreuz am Bande. Ende 2016 zog KIRCHE positHIV in die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.

Mittlerweile ist die Immunschwächekrankheit gut therapierbar; die Zahl der Menschen, die an ihren Folgen sterben, sinkt. Auch die psychosoziale Situation HIV-Infizierter hat sich verbessert: Aus einer todbringenden Infektion ist eine chronische Erkrankung geworden, die zwar der ständigen medikamentösen Therapie bedarf, aber trotz Schwierigkeiten in den Alltag integriert werden kann. „Der Bedarf an Seelsorge ist deutlich zurückgegangen“, beobachtet Dorothea Strauß, die seit Kurzem im Ruhestand ist.

Das kirchliche Engagement für Menschen mit HIV und Aids in Berlin soll jedoch auch nach dem Abschied von KIRCHE positHIV weitergeführt werden.

 


Wichtige Daten zu KIRCHE positHIV (1993 – 2019 )

  • 1993
    Die Ökumenische Aids-Initiative KIRCHE positHIV wird gegründet.
  • 1995
    Dorothea Strauß wird ehrenamtlich Aids-Beauftragte des Kirchenkreises Berlin-Charlottenburg. Dorothea Strauß und der Franziskaner Norbert Plogmann leiten die Aids-Initiative.
  • 1997
    Dorothea Strauß wird Aids-Beauftragte der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg (EKiBB).
    Dr. Hanna-Renate Laurien übernimmt die Schirmherrschaft für KIRCHE positHIV. Die Zahl der ehrenamtlich Mitarbeitenden wächst. Am 31. August gibt es den ersten monatlichen Abendgottesdienst in der Kirche Am Lietzensee.
  • 1998
    KIRCHE positHIV wird von Bischof Dr. Wolfgang Huber (EKiBB) als Missionarisches Projekt ausgezeichnet.
  • 1999
    Erste spirituelle Reise für Menschen mit HIV und Aids nach Assisi. Patenschaft für eine Grabstätte auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.
  • 2000
    Dorothea Strauß erhält das Bundesverdienstkreuz am Bande.
  • 2001
    KIRCHE positHIV erhält den 1. Preis des Wettbewerbs „Ehrenamt hat Zukunft“ der Bank für Kirche und Diakonie für professionelles Ehrenamtlichenmanagement.
  • 2003
    Zentrum „Werkstatt positHIV“ beim ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin (gemeinsam mit dem „Aktionsbündnis gegen Aids“)
  • 2004ff
    Jährlich Liturgische Osternacht und Gedenkfeier zum Welt-Aids-Tag am Grabmal des Vereins „Denk mal positHIV“ auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof
  • 2012
    Norbert Plogmann ofm, Mitbegründer von KIRCHE positHIV, stirbt.
  • 2016 / 2017
    KIRCHE positHIV zieht in die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche um.
  • 2019
    Die Ökumenische Aids-Initiative KIRCHE positHIV beendet ihre Arbeit.

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