Bruder Helmut Schlegel

„Der ganze Mensch werde ergriffen“

Beten mit all unseren Sinnen

Franziskus im Gebet; Retölzeichnung von Federico Barocci. Bild von commons.wikimedia.org
Franziskus im Gebet; Rötelzeichnung von Federico Barocci.
Bild von commons.wikimedia.org

„Überall, an jedem Orte, zu jeder Stunde und zu jeder Zeit, täglich und unablässig wollen wir an Ihm im Herzen festhalten und Ihn lieben, ehren, anbeten, Ihm dienen, Ihn loben und benedeien, verherrlichen und hoch erheben, Ihn preisen und Ihm Dank erweisen.“ (NbReg 23)

Franziskus betet mit Lippen und Gebärden, mit französischen Liedern und rhythmischen Tänzen, im gemeinsamen Stundengebet und in der Feier der Eucharistie. Und doch ist dies nur die „Spitze des Eisberges“. Franz will „zu jeder Stunde und zu jeder Zeit“ an Gott „im Herzen festhalten“. Und das mit allen Sinnen, mit allen Gefühlen, mit allen Zellen des Körpers und mit allen Bewegungen der Seele. Der heilige Bonaventura, einer der ersten Biografen, schreibt über Franziskus: „Er war nicht nur ein Betender, er war vielmehr selbst ein Gebet.“

Franziskus lehrt uns, auch im Schweigen, bei der Arbeit, in der Freizeit, auf der Straße, ja selbst im Schlaf zu beten. Entscheidend ist nicht, was der Mund spricht, entscheidend ist, was aus Hingabe geschieht. Unsere Gedanken dürfen ruhen beim Gebet, unsere Worte können verstummen. Alles kann zum Gebet werden – auch Wut, Ohnmacht, stille Freude, ruhiger Atem, schnelle Schritte, gewohnte Handgriffe, Rituale des Alltags.

Beten mit den Augen

Sehen zu können, ist ein Wunder: Licht fällt in unser Auge. Die Augenlinse bündelt die Strahlen und schickt sie zur Netzhaut auf der Rückwand des Auges. Eine große Zahl von sehr empfindlichen Fotorezeptoren und feinsten Nervenzellen leiten den optischen Eindruck an das Gehirn weiter. Mehr noch: Die Nervenzellen „arbeiten“ am Bild wie professionelle Bildgestalter: Sie frischen die Farben auf, verstärken den Kontrast, bessern Fehler aus. Die Regenbogenhaut vermag es sogar, das Licht zu „dimmen“. So kann unser Auge mit ein bisschen Geduld sogar in tiefster Nacht einen Stuhl wahrnehmen.

Im Gehirn angekommen, werden die Impulse mit Erinnerungen abgeglichen. Und intuitiv weiß ich, was mir da gesendet wird: Ich registriere eine Landschaft, ein Regal, ein Auto, einen Menschen. Was nun hat unser Auge mit unserem geistlichen Weg zu tun? Tatsache ist, dass unser inneres Auge mehr sieht als das, was ein Fotoapparat festhält. Es nimmt die Wunder des Lebens wahr: wie ein Kind wächst, wie ein junger Mensch die Welt erobert, wie Gefühle „aussehen“, wie großartig die Schöpfung ist. Unser inneres Auge fängt an zu fühlen und zu staunen. Es empfindet Mitleid. Es lässt sich mitreißen von Begeisterung. Es ruht sich aus in der Geborgenheit. Es ist glücklich im Angesehenwerden. Es sieht nicht nur auf die Ober?äche, es sieht bis auf den Grund. Ist das nicht eine sehr schöne Art zu beten

Beten mit den Ohren

Ständig sind wir von Tönen und Worten, von Musik und Geräuschen umgeben. So sehr, dass nicht wenige davon krank werden. Andererseits halten wir es kaum aus, wenn nichts zu hören ist. Stille ist für viele eine Art luftleerer Raum und sie geraten in Panik. Menschen, die zu Schweigeexerzitien kommen, äußern manchmal ihre Befürchtungen so: Ich weiß nicht, ob ich das durchhalte. Ich habe Angst vor dem, was da in mir hochkommt. In der Bibel steht das Beten meist in einer Verbindung zum Hören. Gut hören aber kann nur, wer gelernt hat, die Stille auszuhalten.

Gott will offensichtlich weniger schöne fromme Worte, vielmehr Menschen, die sich ihm öffnen, die schweigen und hinhören – auf sein Wort, auf die Sprache der Schöpfung, auf die Stille, auf die innere Stimme. „Höre, Israel, Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig.“ (Dtn 6,4) Dieser Satz und die folgenden Verse sind Grundbestandteil des täglichen Gebetes gläubiger Juden. Damit wird nicht nur bekannt, dass Jahwe der einzige und wahre Gott ist, sondern auch, dass wir in allem, was wir hören, letztlich den EINEN hören. Martin Buber übersetzt dieses Grundgebet so: „Höre, Jissrael, Gott Einer!“ Alle Reden, Töne, Melodien, Geräusche sagen zutiefst das eine: Gott ist alles in allem. Lassen wir unsere Ohren zu einen „Gebetbuch“ werden. Darin entdecken wir immer neue Töne, Texte und Lieder. Und in allem entdecken wir IHN.

Beten mit dem Gaumen

Mit dem Gaumen schmecken wir, genießen wir, prüfen wir die Qualität des Essens und Trinkens. Mit dem Gaumen beten? Tatsächlich sind Essen und Trinken ja mehr als Nahrungsaufnahme und Lebenserhaltung. Essen und Trinken verbinden uns ganz intensiv mit der Erde und ihren Produkten. Wir werden in den Kreislauf von Werden und Vergehen eingebunden. Von der Natur ist uns der Geschmackssinn gegeben, um uns bei der Nahrungsaufnahme vor Giften und ungenießbaren Stoffen zu schützen. Die Schmeckzellen auf unserer Zunge entwickeln im Lauf der Zeit sozusagen ein Gedächtnis für das, was uns guttut, und auch für das, was uns nicht guttut.

Kinder haben noch wesentlich mehr Geschmacksrezeptoren als Erwachsene; Erwachsene verfügen über langjährige Erfahrungen mit Nahrungsmitteln und können darum schneller unterscheiden. Ich Finde, schon diese Fähigkeit der Unterscheidung ist eine geistliche Qualität. Gott will das Leben der Geschöpfe schützen. Er will, dass sie vor Unheil bewahrt werden und dass sie das Gute genießen. Mir fällt dabei der Satz des Apostels Paulus ein: „Prüfet alles, das Gute behaltet.“ (1 Thess 5,21) Paulus hat bei diesem Wort eher die „geistliche Speise“ gemeint, und doch dürfen wir es im Sinne Gottes, der in seiner Großherzigkeit die Fülle des Lebens für die Geschöpfe will, auch umfassend verstehen. Es ist sehr sympathisch, sich beim Essen und Trinken mit Gott verbunden zu fühlen. Wundert es uns, dass die Bibel das Mahl als Zeichen der Ver-Mähl-ung Gottes mit den Menschen versteht? Jesus spricht vom Gottesreich im Bild des Hochzeitsmahles und hat Brot und Wein zu Symbolen der Eucharistie gemacht. Im Sakrament werden das Essen des Brotes und das Trinken des Weines zur Einheit der Glaubenden im Leib Christi und zur Blutsverwandtschaft mit IHM.

Erstveröffentlichung Zeitschrift, „Franziskaner“ Frühjahr 2012


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