Bruder Cornelius Bohl

Die Beichte

Nachdenken über die Sakramente

Die Beichte - Bild von Mathias Hetzschold / pixelio.de
Die Beichte – Weil Gott mich annimmt, darf ich selbst mich annehmen.
Bild von Mathias Hetzschold / pixelio.de

Wie wurde ich erzogen? Haben Eltern und Lehrer mir Mut gemacht, mit Lust und Neugier auf das Leben zuzugehen, Stärken zu entdecken, Fähigkeiten zu entwickeln? Oder haben sie ständig gebremst und eingeengt mit Warnungen, Verboten, Strafen? Hieß die Grundbotschaft: Entdecke deine Möglichkeiten! Oder eher: Pass bloß auf, dass du ja nichts falsch machst! So eine Grundbotschaft stellt die Weichen für ein ganzes Leben!

Zachäus war ein Sünder. Er hat Menschen betrogen. In der Begegnung mit Jesus ändert er sich. Jesus aber hat ihm kein schlechtes Gewissen eingeredet, nicht mit Strafen gedroht. Er hat ihn zunächst einmal angenommen, so wie er ist, und sich bei ihm eingeladen. Er hat ihm zu verstehen gegeben: Du hast noch mehr Möglichkeiten, als du bisher gelebt hast. „Auch dieser Mensch ist Sohn Abrahams!“ Wer hätte gedacht, dass Zachäus auch teilen kann! Umkehr ist mehr als nur Fehler vermeiden, nicht nur ein moralisches Besserwerden. Sie lässt neue Möglichkeiten im Leben entdecken, näher an das Bild kommen, das Gott von mir hat.

Natürlich ist Umkehr auch anstrengende Arbeit. Darum gehört zur Beichte die Buße, der „gute Vorsatz“. Dennoch ist Beichte primär kein Instrument zur moralischen Besserung. Um an mir zu arbeiten, brauche ich kein Sakrament. Viele Menschen leiden darunter, dass sie immer das Gleiche beichten. Anscheinend ändert sich gar nichts. Ist dann die Beichte überhaupt noch sinnvoll? Umkehrprozesse vollziehen sich langsam. Vieles ändert sich nie. An mancher Last trage ich ein Leben lang. Genau da aber sagt Gott zu mir: Und ich nehme dich gerade so an! In das Bekenntnis meiner Schuld hinein spricht er mir seine Liebe zu – nicht als Belohnung für gute Taten. Weil Gott mich annimmt, darf ich selbst mich annehmen.

Das befreit. Es gibt ein fast mechanisches Verständnis von Beichte. Sie scheint ein Automatismus zur Schuldvergebung, eine Reparaturmaßnahme: Was falsch gelaufen ist, wird in Ordnung gebracht. So wie man eine kaputte Waschmaschine wieder funktionstüchtig macht. Beichte aber ist mehr. Sie ist personales Beziehungsgeschehen, Begegnung mit Christus. Oft ist schwer zu entscheiden, was eigene Schuld ist und was Verantwortlichkeit des anderen. Leben ist komplex: Ich werde schuldig. Aber ich leide auch unter der Schuld anderer. Ich bin Situationen hilflos ausgeliefert, oft Täter und Opfer zugleich. Nicht immer kann ich dieses Knäuel korrekt au? ösen. In der Beichte lege ich es voll Vertrauen in Gottes Hand: Schuld wird er vergeben. Was verwundet und zerbrochen ist, will er heilen. Schweres hilft er tragen.

Gott verzeiht nicht nur in der Beichte. Vergebung geschieht auch in Reue und tätiger Umkehr. In der geistlichen Tradition haben das Gebet, das Lesen der Heiligen Schrift, die Feier der Eucharistie, Fasten und „gute Werke“ Sünden vergebende Wirkung. Aber im Sakrament erfahre ich die heilende Nähe Jesu in besonderer Ausdrücklichkeit. Das auszusprechen, was ich gerne verstecke, fällt schwer, aber es hilft, mir selbst nichts vorzumachen. Solche Selbstreflexion fördert eine Kultur der Achtsamkeit gegenüber mir selbst.

Wie eine Pflanze guten Boden braucht, um zu wachsen, so braucht die Beichte eine „Kultur der Versöhnung“, um Frucht zu bringen: ehrliche Reflexion, Arbeit an mir selbst, Verzeihung erbitten und gewähren. „Buße“ und »Versöhnung« bleiben Fremdwörter, wenn sie nur einmal im Jahr in einer ritualisierten Beichte vorkommen, sonst aber nie.

Erstveröffentlichung Zeitschrift „Franziskaner“ Winter 2011


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