17.11.2020 Thomas Kleinveld / Franciscans International

Menschenrechte brauchen Öffentlichkeit

Franziskaner engagieren sich für die Indigenen in Westpapua

Seit 1963 ist Westpapua der indonesischen Verwaltung unterstellt. stichting papua erfgoed(pace)

Als eine Gruppe niederländischer Franziskaner 1937 ihre Heimat verließ, um eine Mission in Westpapua zu gründen, brauchten sie ihr Staatsgebiet nicht zu verlassen: Seit 1828 waren die Niederlande fast 150 Jahre lang Kolonialmacht im Westteil der Insel Neuguinea. Die niederländische Missionsgeschichte in Südostasien ist bis heute umstritten und zum Teil problematisch. In Papua jedoch haben sich die Franziskaner in den auf gegenseitigem Respekt basierenden kleinen Gemeinschaften schnell tief verwurzelt. Und dies gilt bis heute. Nach Abschluss seines Noviziats schrieb Bruder Gabriel Ngga OFM, der derzeitige Provinzial von Westpapua, eine Dissertation über die gemeinsamen Aspekte der franziskanischen und die in der lokalen Kultur verankerten Werte. Er erwähnte die beiderseitige Liebe zur Natur und den Wunsch, in Harmonie mit ihr zu leben. Er beobachtete auch die egalitäre Gesellschaft, die aus kleinen, aber zusammenhaltenden Gruppen besteht, nüchtern und tolerant, aber mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit und Vergebung.

Der Schwerpunkt der franziskanischen Mission in Westpapua war nie ausschließlich die Evangelisierung. Herman Münninghoff OFM, der 1972 zum Bischof von Jayapura (Hauptstadt von Westpapua) ernannt wurde, erinnerte daran, dass nur 15 Prozent der Arbeit der Missionare Religion oder Kirche betrafen. „Der Rest dreht sich um medizinische, gesundheitliche und kulturelle Fragen, für die sie nicht ausgebildet wurden“, schrieb er später. „Ich glaube, dies ist eigentlich die wichtigste Arbeit.“ Diese Schwerpunktsetzung und die tiefen Verbindungen, die sie mit den örtlichen Gemeinschaften geknüpft hatten, führten dazu, dass die Franziskaner sich intensiv für die Würde und die Menschenrechte der Papua einsetzen.

1962 endete die niederländische Herrschaft. Westpapua kam kurzzeitig unter UN- und ab 1963 unter indonesische Verwaltung. 1969 entschieden sich 1.000 ausgesuchte Wahlmänner unter massivem indonesischem Druck gegen die Unabhängigkeit und für einen Verbleib Westpapuas als Teil Indonesiens. Allerdings wird dieses Ergebnis bis heute von vielen abgelehnt, da sein Zustandekommen keinerlei demokratischen Standards entsprach.

Indonesien dagegen betrachtete nach seinem eigenen blutigen Unabhängigkeitskampf die Insel und ihre enormen natürlichen Ressourcen als integralen Bestandteil Indonesiens. Kulturell und ethnisch unterschieden sich die Papua vom Großteil des übrigen Indonesiens. Sie fühlten sich in ihrer eigenen Heimat fremd, diskriminiert und in Gefahr, durch Masseneinwanderung ersetzt zu werden.

Nach der umstrittenen Entscheidung wurde dann auch die indonesische Militärpräsenz stark ausgeweitet, um jede Unabhängigkeitsbestrebung – auch mit Gewalt – zu unterdrücken. Selbst eine Handlung wie das Hissen der papuanischen Morgensternflagge konnte zu einer Gefängnisstrafe von 20 Jahren oder mehr führen. Die Ausbeutung der Bodenschätze und anderer natürlicher Ressourcen wurde intensiviert. Militärangehörige betrieben illegalen Holzeinschlag und setzten lokale indigene Gemeinschaften als Zwangsarbeiter ein. Wenn sie sich weigerten zu arbeiten, wurden die Menschen geschlagen, gefoltert und als Feinde Indonesiens denunziert.

Ein besonders ungeheuerlicher Fall betraf die in US-amerikanischem Besitz befindliche Gold- und Kupfermine Freeport in Timika, in der 16 Menschen getötet worden waren. Im Jahr 1995 traf sich der Franziskaner Theo van den Broek mit einigen Minenarbeitern, nachdem er mehrfach erschreckende Geschichten über die Umweltschäden durch die Mine und die gegen die örtliche Gemeinde angewandte Gewalt gehört hatte. „Die Arbeiter sagten, sie hätten alles versucht; sie hätten versucht, mit Freeport, der örtlichen Regierung und der Armee zu sprechen, und seien zu dem Schluss gekommen, dass es „keine Hoffnung für uns gibt“, erinnerte er sich später. „Der einzige Ort, der ihnen noch geblieben sei, sei die Kirche.“ „Ich wusste zwar, dass die geschilderten Ereignisse der Wahrheit entsprachen, aber das persönliche Treffen mit den Arbeitern brachte mir alles erst wirklich nahe. Das Einzige, was ich ihnen sagen konnte, war, dass wir uns darum kümmern werden.“

Bruder Theo stellte die Ergebnisse seiner Recherchen Bischof Münninghoff vor, der den ersten offiziellen, von der katholischen Kirche autorisierten Bericht über die Menschenrechte in Papua unterzeichnete. Der Bericht löste unterschiedliche und auch feindselige Reaktionen aus. Aber er brachte das Thema Westpapua auf eine internationale Ebene und führte schließlich zur Inhaftierung von vier der beteiligten Soldaten.

In der Folge richtete die Diözese Jayapura ein Sekretariat für Gerechtigkeit und Frieden ein, das schließlich damit begann, eine jährliche Analyse der M Menschenrechtssituation in Papua zu veröffentlichen. Zudem bauten die Franziskaner mit Unterstützung von FI ein internationales Netzwerk auf, das Bruder Theo dabei unterstützte, im Jahr 2002 vor der UN-Menschenrechtskommission zu sprechen. Seine Erklärung brachte das Thema Westpapua schließlich auf die Tagesordnung der Diplomaten in Genf.

Seitdem arbeitet Franciscans International mit verschiedenen Partnern zusammen, um die regelmäßigen Berichte der Franziskaner über die Menschenrechtssituation vor die Vereinten Nationen zu bringen. Denn die Informationen aus Westpapua sind noch immer sehr gering, und Journalisten und Journalistinnen und Menschenrechtsbeobachter und Menschenrechtsbeobachterinnen werden häufig daran gehindert, die Insel zu besuchen. Die Berichte der Franziskaner sind deshalb weiterhin eine der wenigen zuverlässigen Informationsquellen und von zentraler Bedeutung für die Menschen in Papua. Denn nur durch internationale Aufmerksamkeit und die Thematisierung der Situation in den UN-Gremien ist ein gewisser Schutz der Menschenrechte überhaupt gegeben

Erstveröffentlichung: Zeitschrift Franziskaner Herbst 2020


Franciscans International (FI) hat als Nichtregierungsorganisation einen allgemeinen Beraterstatus bei den Vereinten Nationen und Zugang zu allen wichtigen UN-Gremien. FI ist eine gemeinsame Organisation der weltweiten Franziskanischen Familie. Mit Büros in Genf und New York bringt sie als Anwalt für Menschenrechte Anträge ein und unterstützt insbesondere Angehörige benachteiligter Gruppen, ihre Anliegen direkt vor den zuständigen UN-Gremien zu vertreten.


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