22.06.2022 Von Alexa Weißmüller

Franziskanische Option für die Kranken

Elisabeth von Thüringen

Aber dann gab es Helferinnen und Helfer unserer Zeit, wunderbare Menschen, die hingesehen haben, die einen Blick hatten für die Krankheit und die seelische Not. Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Elisabeth wurde schon als vierjähriges Kind im Jahr 1211 von Ungarn auf die Wartburg nach Thüringen gebracht, zwecks späterer Heirat. Mit 14 Jahren heiratete sie dann Landgraf Ludwig von Thüringen. Sehr aufmerksam nahm sie die Diskrepanz wahr, zwischen dem Leben auf der Burg und dem Leben der einfachen Menschen um die Burg herum, die in Elend und Armut lebten. Sie entschied sich dann, selbst ein einfaches Leben zu führen. Sie trug als Landgräfin keinen Schmuck und nur ganz bescheidene Kleidung. Sie verkaufte sogar alles, worüber sie verfügen konnte, um den Notleidenden zu helfen. Immer wieder wurde sie bei den Kranken und Armen angetroffen. Elisabeth versorgte sie mit dem Notwendigsten und pflegte sie, sogar die Aussätzigen. Sie stieg in die Spinnstuben der Frauen und half beim Spinnen. Allen begegnete sie auf Augenhöhe. Tagsüber kümmerte sie sich um die Kranken und nachts betete sie stundenlang.

Die Speicher öffnen

Wegen einer Missernte gab es 1225/1226 eine Hungersnot und Elisabeth öffnete einfach die Vorratsspeicher der Burg für die Notleidenden. Sie kämpfte darum, Kranke und auch Aussätzige in die Burg aufzunehmen. Es gelang ihr auch immer wieder, einzelne Kranke in die Räumlichkeiten zu schmuggeln. Das passte natürlich überhaupt nicht in die Sitten am Hofe und brachte ihr immer mehr Ablehnung ein. Sie aber blieb beharrlich bei ihrem Lebensstil, weil dieser eine Konsequenz aus ihrer Jesusnachfolge war. Ihr Mann Ludwig, der sie sehr liebte, unterstützte sie als Einziger in dieser Zeit und stand ihr zur Seite. Er half ihr, das erste Hospiz unterhalb der Burg zu bauen und bald darauf ein weiteres Haus zu einem Hospiz umzugestalten. Hospize waren Herbergen und Zufluchtsstätten für Bedürftige aller Art: Kranke, Arme und Pilger. Elisabeth hatte erkannt, dass aus der Armut und Not heraus viele Krankheiten resultieren.

Das Denken und Handeln der heiligen Elisabeth war ganz sicher auch beeinflusst von den Armutsbewegungen dieser Zeit, die sich gegen den Reichtum und die Macht in der Kirche richteten und das Evangelium wieder in den Vordergrund rückten. Die meisten der Laienprediger dieser Bewegung wurden allerdings als Ketzer verfolgt – nur Franziskus nicht, obwohl auch er das Evangelium predigte, aber vor allem lebte. Er und die heilige Klara gaben in dieser Zeit der Kirche und den Armen ein ganz neues Gesicht. Franziskus hat das Leben Elisabeths entscheidend beeinflusst: Er war ihr großes Vorbild.

Nach dem Tod ihres Mannes, der während eines Kreuzzuges an einer Infektion starb, wurde Elisabeth fast ganz ohne Erbe von der Wartburg vertrieben. Jetzt war sie ganz arm und ging betteln. In dieser Lage sang sie mit den Franziskanern im nahegelegenen Kloster das Tedeum, weil sie sich jetzt dort fühlte, wo sie immer hinwollte. Aber sie musste eine bittere Erfahrung machen: Die, denen sie geholfen hatte, verhöhnten sie jetzt.

Unbeirrbar blieb sie jedoch auch weiterhin bei ihrem Lebensstil. Magister Konrad von Marburg drängte sie, die Landgüter um Marburg herum, die ihr Mann ihr persönlich vererbt hatte, zu behalten, um damit die Bedürftigen und Kranken zu versorgen. Und so baute Elisabeth in Marburg ein Hospital und weihte es dem heiligen Franziskus. Mit ganzer Hingabe und Liebe versorgte und pflegte sie dort persönlich die Kranken und zum Missfallen der Umgebung auch Aussätzige, die nirgendwo sonst eine Aufnahme fanden. Mit nur 24 Jahren infizierte sie sich im Hospital und starb 1231.

Elisabeths Leben war bis zum Ende geprägt vom Dienst an den Menschen. Sie wählte aus Liebe zu Gott den freiwilligen Abstieg aus Ruhm und Reichtum des Hofes in die Armut. Damit ist sie ein großes Zeugnis für einen Menschen, der seine Berufung lebte – ohne Wenn und Aber.

Ein großes Vorbild

Trotz ihres frühen Todes und der nur relativ kurzen Tätigkeit im Hospital, nennt man Elisabeth die „Hospitalheilige“. Unzählige Krankenhäuser und soziale Einrichtungen wählen sie immer noch als Patronin und Vorbild, weil sie von der Ausstrahlungskraft dieser Heiligen berührt sind und weil sie ein Vorbild ist, wenn man sich dem Dienst am Menschen verschrieben hat. Unsere Provinz hat sie ebenfalls als Patronin gewählt, weil sie für uns als Franziskanerinnen ein großes Beispiel ist in der Begegnung mit Menschen, nicht nur in unseren Einrichtungen. Die heilige Elisabeth ist uns ein Zeugnis dafür, dass ihre starke Gottesbeziehung auch immer wieder zum Nächsten führt. Sie war überzeugt, dass Arme und Kranke helfende Hände brauchen, Menschen, die sie als ganze Person sehen und nicht nur ihre Krankheit. Sie benötigen Nähe und liebevolle Pflege. Die Helfenden brauchen den Blick für die wirklichen Bedürfnisse der Kranken und Entschiedenheit zum Dienen.

Unser Gesellschafts- und Gesundheitssystem ist natürlich ein anderes als im Mittelalter. Und doch gibt es noch viele Menschen, die leiden und krank sind auf Kosten derer, die im Überfluss leben. Wer ständig im Elend lebt, ist oder wird auf Dauer auch krank, sowohl psychisch als auch körperlich. Immer noch haben viele Menschen keinen Zugang zum Gesundheitssystem. In den Jahren meiner Arbeit mit Obdachlosen habe ich jeden Tag Menschen auf der Straße getroffen, die elend und krank waren, weil sie durch unser gesellschaftliches Netz gefallen waren.

Aber dann gab es Helferinnen und Helfer unserer Zeit, wunderbare Menschen, die hingesehen haben, die einen Blick hatten für die Krankheit und die seelische Not hinter dem Alkohol. Sie haben sich berühren lassen, sind den Menschen auf Augenhöhe begegnet und haben wie Elisabeth gehandelt. Mit viel Feingefühl, Sachverstand und Kenntnis der Situation versuchten sie, diesen sonst nicht wahrgenommenen und manchmal schwer kranken Menschen eine neue Würde zu geben, indem sie ein Hilfesystem aufgebaut haben. Zuerst wurde für die Hilfsbedürftigen eine Krankenstation organisiert. Später gab es einen Krankenwagen mit freiwilligem, ärztlichem Dienst an einem festen Ort. Dort wurde auch regelmäßig Essen ausgegeben. Es war ein gewisser Schutz gewährleistet und die Kranken konnten ohne Scham Hilfe in Anspruch nehmen.

25 Jahre gibt es mittlerweile unser System für kranke und bedürftige Menschen auf der Straße. Immer wieder brauchen wir Menschen, die – wie die heilige Elisabeth – aus den Gewohnheiten ausbrechen, mit den Ausgegrenzten unserer Zeit auf Augenhöhe gehen und bei allen Widerständen dem Dienst am Menschen treu bleiben.

Die Autorin Alexa Weißmüller ist ehemalige Provinzoberin der deutschen „Franziskanerinnen von der ewigen Anbetung“ und lebt in Köln.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Mission 2022 / 1


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