Stefan Federbusch ofm

Franziskus und die Tiere

Vom geschwisterlichen Miteinander der gesamten Schöpfung

Franziskus und Schwester Grille. Bronzeskulptur im Hof von Santa Maria degli Angeli, Assisi.
Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Franz von Assisi gilt als Tierliebhaber. Seine Liebe zu den Tieren hat jedoch weniger den Charakter von sentimentaler Kuscheltiermentalität, sondern entspringt seiner Gottesbeziehung. Zwei Aspekte lassen sich nennen, die für Hagiografien – für Lebensbeschreibungen von Heiligen – von besonderer Bedeutung sind. Das gute Verhältnis der Heiligen zu Tieren steht für ihre besondere Vollkommenheit. Ihre Aura der Friedfertigkeit nimmt selbst wilden Tieren die Angst vor dem Menschen und lässt sie einander nahekommen. In die Schöpfung, die bislang noch in Geburtswehen liegt, ist das Gesetz vom „Fressen und Gefressen werden“ eingeschrieben und „Der Stärkere setzt sich durch“. Das Paradiesische einer neuen Schöpfung schwingt in der Vision vom Tierfrieden etwa in der Verheißung des Propheten Jesaja mit: „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange“ (Jesaja 11,6–8). Beispielhaft sei hier auf den „Wolf von Gubbio“ verwiesen, der auf Initiative von Franziskus hin vom gewalttätigen „reißenden“ Wolf zum friedfertigen Zeitgenossen wird. Vermutlich handelt es sich beim „Wolf von Gubbio“ um eine allegorische Erzählung, deren realer Hintergrund ein (menschlicher) Raubritter ist. Der Wirkmechanismus auf Tier und Mensch ist jedoch derselbe: Sympathie und Güte, Sanftmut und Milde führen zur Verwandlung. Aus der Bedrohung wird ein gerechtes und friedliches Miteinander.

Zutraulichkeit als Kennzeichen der Heiligkeit

In den Geschichten, die von Franziskus erzählt werden, schwingt immer wieder die Zutraulichkeit der Tiere mit. Von einem kleinen Hasen heißt es: „Obwohl man ihn mehrmals auf den Boden setzte, damit er weglaufen könne, kehrte er immer wieder auf den Schoß des Heiligen zurück, als ob er mit einem geheimen Gespür die liebevolle Güte des Heiligen fühlte. “Ähnliches passierte an anderen Orten mit einem Kaninchen, mit einem Fisch sowie einem großen Flussvogel, die sich erst dann von Franziskus entfernten, als er sie gesegnet hatte. Von Schafen wird berichtet: „Sie äußerten so deutlich ihre Zuneigung zu ihm, dass sich die Hirten wie die Brüder sehr wunderten, als sie sahen, wie Schafe und Böcke sich um ihn drängten und sich so ungewöhnlich freuten.“

Neben der Persönlichkeit des Heiligen ist sein Verständnis der Schöpfung zu nennen. Für ihn schimmert in allem Geschaffenen und somit auch in den Tieren das Göttliche immer durch. Pflanzen und Tiere, die Gestirne und der gesamte Kosmos sind für ihn wie eine Art Dia, durch dessen Transparenz Gott zu erahnen ist. Sein Biograf Thomas von Celano verweist darauf, dass Franziskus „in einer einzigartigen und für andere ungewohnten Weise mit dem scharfen Blick seines Herzens die Geheimnisse der Geschöpfe“ erfasste und in den Geschöpfen „die Weisheit des Schöpfers, dessen Macht und Güte“ betrachtete.

Symbole für Christus

Bestimmte Tiere erinnern Franziskus konkret an Jesus Christus, etwa das Lamm als Wappentier des Christentums, das den Sohn Gottes als „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“, verehrt. „Unter allen Tierarten aber war er mit besonderer Liebe und großer Zärtlichkeit den Lämmlein zugetan, weil die Demut unseres Herrn Jesus Christus in der Heiligen Schrift häufig mit der eines Lammes verglichen und passend damit in Verbindung gebracht wird.“ Die besondere Verehrung des „Lammes Gottes“ wird auch darin deutlich, dass Franziskus seinen treuesten Gefährten Bruder Leo (= Löwe) in bewusster Kontrastierung zu seinem Namen „Bruder Lämmlein“ nennt.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wurm. „Selbst gegen die Würmer entbrannte er in übergroßer Liebe, weil er vom Erlöser das Wort gelesen hatte: ›Ein Wurm bin ich, nicht mehr ein Mensch“ (Psalm 21,7). Deshalb pflegte er sie vom Weg aufzusammeln und legte sie an einem geschützten Ort nieder, damit sie nicht von den Passanten zertreten würden.“

Neben zahlreichen „Freilassungsgeschichten“ von Lämmern wird eine solche auch von Turteltauben erzählt, die Franziskus von einem Jungen erbittet, der sie auf dem Markt verkaufen will. Auch hier ist der biblische Bezug unübersehbar: „Diese so unschuldigen Vögel, mit denen in der Schrift die keuschen, demütigen und gläubigen Seelen verglichen werden, sollen nicht in die Hände grausamer Menschen fallen, die sie töten.“

Eine besondere Freude hatte Franziskus an den Lerchen: „Die Schwester Lerche hat eine Kapuze wie die Ordensleute, und sie ist ein demütiger Vogel, der gern auf die Straße geht, um sich Futter zu suchen. Selbst wenn sie es im Mist der Tiere findet, zieht sie es heraus und frisst es. Fliegend lobt sie den Herrn wie gute Ordensleute, die auf das Irdische herabschauen und immer im Himmel leben. Außerdem ist ihr Kleid, nämlich ihre Federn, der Erde ähnlich. Damit geben sie den Ordensleuten ein Beispiel, dass sie nicht farbige und kostbare Kleider haben sollen, sondern gleichsam tote, nach Art der Erde. Und weil der selige Franziskus in den Schwestern Lerchen dies sah, liebte er sie sehr und sah sie gern.“Seine Gefährten erzählen, dass er den Kaiser bitten wollte, ein Gesetz zu erlassen, das den Fang dieser Vögel verbietet. Am Fest der Geburt des Herrn sollten alle Bürgermeister den Vögeln Weizen oder andere Körner streuen, damit sie genügend zu fressen hätten. Wer im Besitz eines Ochsen oder eines Esels sei, sollte diese am „Fest aller Feste“, wie Franziskus Weihnachten nennt, ebenfalls mit bestem Getreide versorgen. Franziskus ließ den Bienen im Winter Honig und Wein hinstellen, damit sie nicht umkommen. Da Jesus sich uns selbst geschenkt hat, sollten alle um seiner Liebe willen nicht nur für die Armen, sondern auch für die Tiere großzügig sorgen.

Tiere als eigenständige Wesen

Franziskus nimmt die Tiere als eigenständige Wesen wahr. Wie alles Geschaffene verweisen sie auf Gott als Schöpfer. Als „Schwestern“ und „Brüder“ sind sie Teil der „göttlichen Familie“. Ein Tierschutzgedanke, wie wir ihn heute kennen, war Franziskus sicher fremd. Seine Haltung war klar religiös (christologisch) motiviert. Dennoch liegt er mit seinem Verständnis nicht allzu weit von unserem modernen Tierschutz entfernt. Für Franziskus ist alles um seiner selbst willen da, gerade auch die Tiere, und nicht dafür, dass wir Menschen sie ausbeuten und als Massenware „verbraten“. Dieses geschwisterliche Verständnis kann auch heute Vorbild sein und ist alles andere als kitschige und sentimentale Gefühlsduselei. Die theologische Einordnung der Tiere in die Schöpfungsordnung und unser daraus resultierender Umgang mit den Tieren sind von großer Relevanz für das Mensch-Tier-Verhältnis. Im franziskanischen Verständnis kommt ihnen ein Eigenwert zu, der viele Praktiken wie Massentierhaltung inakzeptabel macht.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Winter 2019


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