Bruder Natanael Ganter

„In ihrer Kirche kann man atmen“

Pfarrarbeit bedeutet gute Nachbarn zu sein

Bruder Frank Hartmann ist Pfarrer in Mannheim. Er leitet dort nicht nur die St. Bonifatius Kirche in direkter Nachbarschaft des Franziskanerklosters, sondern gleich vier Gemeinden. Seelsorgeeinheit Neckarstadt nennt sich das knapp 14.000 Gläubige zählende Gebiet in der Verwaltungssprache. Verflixt große Pfarrei würde der Volksmund dazu sagen.

„Pfarrei“ heißt auf Englisch „parish“, auf Niederländisch „parochie“ und auf Französisch „paroisse“. Allen diesen Begriffen gemeinsam ist ihr Ursprung aus dem Griechischen: „par oikia“, was so viel bedeutet wie „neben dem Haus“. „Pfarrer“ ist also keine Berufsbezeichnung oder gar ein Titel, sondern ein Auftrag. Der Pfarrer ist derjenige, der hingeht zu den Menschen, die „neben dem Haus“ leben. Er ist der Nachbar, der da ist für seine Mitmenschen, der seine Nachbarn, die Kinder und Jugendlichen, die Frauen und Männer in ihren verschiedenen Lebensabschnitten, begleitet. Und „die Nachbarn“, das sind alle Menschen rund um Kirche und Pfarrkloster, aus verschiedenen Kulturen, Konfessionen und sogar aus verschiedenen Religionen – jede und jeder mit seiner eigenen Geschichte.

 

Der Herr segne und behüte dich ...
Der Herr segne und behüte dich …

Bruder Franks Geschichte als Pfarrer in Mannheim begann im Herbst 2010, als er nach drei Jahren Missionarszeit im sozialistischen Kuba zurück nach Deutschland kam. Gänzlich neu war ihm die Pfarrarbeit nicht: Nach Theologiestudium und Priesterweihe 1995 hatte Bruder Frank in Berlin als Kaplan in der von Franziskanern betreuten Pfarrei St. Ludwig in Wilmersdorf gearbeitet. Denn auch bei jungen Ordenspriestern ist es üblich, sich in einer Pfarrei in der seelsorglichen und strukturellen Arbeit einzuüben.

Struktur ist es auch, was Bruder Frank gerade in Mannheim wieder neu erfinden muss. Denn die vier Pfarreien bleiben auch in Zukunft als kirchenrechtliche und pastorale Größe bestehen, wenn die Kirchengemeinden im Frühjahr 2015 einen gemeinsamen Pfarrgemeinderat und einen gemeinsamen Stiftungsrat wählen. „Bis dahin haben wir nicht nur vier Kirchen, sondern auch noch drei Stiftungsräte, zwei Pfarrgemeinderäte und etliche weitere Gremien. Manchmal ist das wie Jonglieren mit fünf Bällen“, scherzt Bruder Frank, dem die Arbeit dennoch sichtlich Spaß macht. „So dezentral wie möglich, so zentral wie nötig“, ist dabei seine Devise.

Der moderne Pfarrer ist auch ein Kirchenmanager: Nicht nur Theologe und Priester, sondern ebenso Bauingenieur, Personalmanager, Betriebswirtschaftler, Architekt, Jurist oder Verwaltungsfachwirt sollte er sein. Das kann natürlich kein Mensch leisten. Daher gibt es seit Januar 2014 eine Verwaltungsbeauftragte in der Neckarstadt, die den Pfarrer spürbar entlastet.

Gemeinsam mit Bruder Frank (50) arbeiten in der „Seelsorgeeinheit Neckarstadt“ auch seine Mitbrüder Joaquin Garay OFM (53) und Karl Stahlberger OFM (79). Zum hauptamtlichen Seelsorge-Team gehören weiterhin eine Gemeindereferentin und ein Gemeindereferent. In allen vier Ge- meinden sind zudem die Sekretärinnen erste Ansprechpartnerinnen vor Ort und tragen im Wesentlichen die Verwaltungsarbeit. Dazu kümmern sich Mesner (Sakristan) und Hausmeister um Pflege und Erhalt der Kirchen. Ganz zentral für das Gemeindeleben sind natürlich die vielen Ehrenamtlichen. Teilweise beruflich und privat schon ziemlich ausgelastet, engagieren sie sich dennoch auf vielfältige Art und Weise für ihre Gemeinde.

Die Franziskaner kümmern sich gemeinsam um die klassischen Aufgaben in der Pfarrseelsorge: Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen gehören genauso zur Pfarrarbeit wie die Beicht- und Gesprächsseelsorge. Unterschiedliche und die Gottesdienste bereichernde Akzente ergeben sich dadurch, dass sich die Brüder bei den Sonntagsgottesdiensten in den verschiedenen Gemeinden abwechseln. So wird erlebbar: Es gibt nicht nur „die eine Theologie“ oder „die eine Spiritualität“.

 

Gemeinde ist Gemeinschaft. (Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Anna in München)
Gemeinde ist Gemeinschaft. (Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Anna in München)

Pfarrseelsorge: heutiger Schwerpunkt der Franziskaner in Deutschland

Die Arbeit in der Pfarrseelsorge ist heute einer der Schwerpunkte der Franziskaner in Deutschland. An der Hälfte aller 39 Standorte der Deutschen Franziskanerprovinz sind die Brüder auch in einer Pfarrei tätig. Das war nicht immer so. Im Mittelalter war ein Engagement eines Franziskaners in der unmittelbaren Pfarrseelsorge undenkbar. Später bedurfte es dann einer Freistellung von der Ordensregel, da eine Pfarrtätigkeit mit den Gelübden der Franziskaner als unvereinbar galt. Erst im 20. Jahrhundert, zur Zeit der Weimarer Republik, wurden die Franziskaner in Deutschland richtig in der Pfarrseelsorge aktiv, als sie auf- grund des großen Bedarfs von den Bischöfen dazu gedrängt wurden.

Ein willkommener Nebeneffekt der Arbeit in der Pfarrseelsorge waren und sind die Gestellungsgehälter, die die Brüder für ihren Dienst von den Diözesen beziehen. Da die Franziskaner als Solidargemeinschaft leben und alle Verdienste in einen Topf fließen, kamen die neuen Finanzmittel der gesamten Ordensprovinz zugute und stellten zunehmend auch die Betteltätigkeit, die sogenannte Kollektur, infrage.

Auch schwierige oder beim Weltklerus unbeliebte Pfarreien in ärmlichen Handwerker- oder Arbeitervierteln wurden häufig der Ordensgemeinschaft übertragen. Eine Gemeinschaft schien hier meist besser geeignet als die Betreuung durch einen einzelnen Weltpriester. In der gemeinschaftlichen Verantwortung lag und liegt bis heute auch die Stärke der Franziskaner in der Pfarrarbeit. Denn nur in seltenen Ausnahmefällen lebt ein Bruder alleine in einer Pfarrei. Normalerweise überneh- men die Franziskaner im Team die anstehenden Aufgaben. Dann wird das Pfarrhaus zum Kloster und nicht einer, sondern oft drei oder mehr Brüder beleben das Haus, die Pfarrei und die Nachbarschaft.

Die Brüder sind als Ordensleute nicht so sehr in die Strukturen und Beziehungsgeflechte der Diözese verwoben. Ein Franziskaner kann als Pfarrer keine „Karriere“ machen, etwa durch eine Beförderung zum Monsignore oder Prälaten. Das schafft Freiheit. So ist für den Franziskaner-Pfarrer auch nicht der Bischof der unmittelbare Vorgesetzte, sondern der Provinzialminister. Das eröffnet manche Freiräume und ermutigt, Ideen laut zu äußern und auch liturgisch etwas Neues auszuprobieren.

 

Bruder Frank schreibt im Garten Ideen für einen geistlichen Impuls in sein Notizbuch
Bruder Frank schreibt im Garten Ideen für einen geistlichen Impuls in sein Notizbuch

„In ihrer Kirche kann man atmen“

„Die Kirche hat sich entfremdet, sich distanziert von dem, was Menschen heute erfahren und wie sie sich ausdrücken. Und da werden auch die neuen, größeren Seelsorgeeinheiten nichts verändern“, mahnt Bruder Frank und warnt vor der Gefahr, zum religiös-folkloristischen Ortsverein zu verkommen. „Wir müssen uns wieder aufmachen zu den Menschen dieser Zeit, besonders zu den Armen und Bedrängten, und mit ihnen Freude, Hoffnung, Trauer und Angst teilen.“ Der heilige Franziskus hat seine Mitmenschen als Schwestern und Brüder gesehen und ist ihnen ohne Vorurteile begegnet. „Ein Mensch unter Heiligen“ nannte ihn der englische Franziskanologe Eric Doyle. „Wenn uns das gelingt – den Menschen menschlich zu begegnen –, dann können wir viele Brücken zu Menschen bauen, die in den Augen der ‚offziellen‘ Kirche in schwierigen oder belasteten Lebenssystemen gefangen sind, und ihnen die Freude des Glaubens vermitteln“, erklärt Bruder Frank seinen Kirchentraum. Und fügt hinzu: „Dann wird vieles im Kleinen möglich. Die Menschen spüren, dass sie akzeptiert und Teil einer Gemeinschaft sind, die sich freut, dass sie dazugehören.“ Eine Gottesdienstbesucherin beschrieb einmal dankbar ihren Eindruck: „In Ihrer Kirche kann man atmen.“ Das ist das größte Kompliment für die Menschen in der „par oikia“ – die guten Nachbarn.


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